Musical

Die Massen stürmen die Burg

Politische Show mit Ohrwurm-Garantie: Das Theater Ulm zeigt „Evita“ mit einem Großaufgebot open air.
In Buenos Aires ist gerade Winter, auf der Wilhelmsburg, der Zitadelle der Ulmer Bundesfestung, aber spielt das Theater Ulm jetzt sommerlich unter freiem Himmel ein leidenschaftsvolles Argentinien-Musical: „Evita“.

Ein mächtiger Gerüstaufbau steht in der Nordwest-Ecke des Innenhofs. Aber das ist kein Provisorium, sondern die finale Bühnenkonstruktion. Aus dem „Evita“-Gerüst lässt sich freilich wenig Interpretation herauslesen. Denn es ist die Genre-üblich sehr nah an der Originalproduktion orientierte Musical-Geschichte von Tim Rice und Andrew Lloyd Webber, die Regisseur Wolf Widder souverän zeigt. Es ist die – wahre bis legendenhafte – Biografie einer Frau aus der Provinz, die mit viel Sendungsbewusstsein und auch dank ihrer strahlend blonden Schönheit nicht nur zu einer Führer-Gattin aufsteigt und mit 33 Jahren an Leukämie starb.

Widder liefert dazu die fast ikonografischen Bilder: Evita im weißen Abendkleid, die Arme zur Umarmungsgeste erhoben, vor den Rundfunkmikrofonen. Und dann der Ohrwurm „Don't Cry For Me, Argentina“ – aber auf Deutsch, denn die Fassung von Michael Kunze wird gespielt: „Wein' nicht um mich, Argentinien“. „Evita“ ist eine politische Show. Und diese wird aufgeführt in der massiv einschüchternden Festungsanlage! Das passt. Schade nur, dass Widder und seine Bühnenbildnerin Petra Mollérus zu dieser Kulisse nicht mehr einfällt, als aus ein paar Fenstern argentinische Flaggen herauszuhängen.

Anderseits bespielen sie den rosa Bühnenkeil und die Riesenfläche davor so opulent, wie es wohl noch keinem Team in der theatralen Wilhelmsburg-Vergangenheit gelungen ist: Rund 120 Akteure samt Chor und Tanzensemble sind nun wirklich ein nennenswertes Volk, das für Perón (Martin Gäbler) fahnenschwingend auf die Straße geht. Auch auf Fahrrädern und einem Laster kommen sie agitierend herbeigefahren. Eine starke Szene. „Evita“ ist ein gelungenes Spektakel fürs große Publikum. Jürgen Kanold
© Südwest Presse 12.06.2019 07:46
213 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.