Leitartikel Mathias Puddig zum Verbot von Konversionstherapien

Nicht der letzte Erfolg

Wenn in diesen Wochen in Dutzenden Innenstädten die Christopher Street Days gefeiert werden, dann kann leicht der Eindruck entstehen, dass sexuelle Minderheiten in Deutschland alles erreicht haben. Sie sind gesellschaftlich sichtbar wie nie zuvor in der Geschichte und fast nirgendwo sonst auf der Welt, und seit vor fast zwei Jahren mit Konfettikanonen die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare begrüßt wurde, sind Lesben und Schwule auch rechtlich gleichgestellt: Was für eine Erfolgsgeschichte! Natürlich will von deren Glanz auch Gesundheitsminister Jens Spahn etwas abhaben, wenn er mitten in der CSD-Saison erneut ankündigt, das Verbot sogenannter Konversionstherapien bis zum Jahresende beschließen zu wollen. Schlechter wird der Vorstoß dadurch allerdings nicht. Denn dass es solche Pseudotherapien noch immer gibt, zeigt, dass für viele Bisexuelle, Schwule und Lesben noch längst nicht alles gut ist.

Doch von vorn: Sogenannte Konversionstherapien versprechen, Homosexuelle in Heterosexuelle zu verwandeln – mit Licht, mit Gebeten, mit Elektroschocks, aber ohne die erhoffte Wirkung, wie das Gutachten der Hirschfeld-Stiftung erneut belegt. Dass solche Maßnahmen ihre Opfer körperlich und seelisch zerstören können, ist offenbar. Allein das rechtfertigt ein Verbot. Doch die Folgen solcher Angebote gehen tiefer. Völlig zurecht weist Spahn darauf hin, dass sie Diskriminierung befördern. Da muss der Staat gegenhalten: „Wir müssen Eltern davon überzeugen, ihre Kinder so anzunehmen, wie sie sind. Und wir müssen jungen Menschen die Sorge nehmen, sie müssten sich für irgendetwas schämen.“

Spahn spricht damit einen wichtigen Punkt an: Konversionstherapien sind nur möglich, weil vielerorts diskriminiert wird. Das zeigt sich etwa im Berufsleben, wo nur ein Drittel der Homosexuellen offen mit Kollegen spricht. In Familien, wo Eltern-Kind-Beziehungen nach Coming-Outs zerbrechen. In politischen Runden, wo Sprüche auf Kosten vermeintlich „schriller Minderheiten“ gerissen und nicht kritisiert werden. Und auf Schulhöfen, wo „schwul“ eine gängige Beleidigung ist.

Wer aber als Jugendlicher immer wieder hören muss, dass Homosexualität etwas Schlechtes ist, der sucht natürlich Wege, die Homosexualität loszuwerden. Dieser Kreis muss durchschlagen werden.

Dass das geht, das haben Lesben und Schwule oft genug gezeigt. Allein in diesem Jahr gibt es viele Gründe, an Erfolge zu erinnern und sie gemeinsam zu feiern: Vor 100 Jahren beschäftigte sich zum ersten Mal ein Film mit Homosexualität. Vor 50 Jahren markierte der Stonewall-Aufstand in New York einen gewaltsamen Wendepunkt im Kampf um Gleichberechtigung. Vor 25 Jahren wurde Homosexualität in der Bundesrepublik entkriminalisiert, vor zwei Jahren die Ehe geöffnet. Wenn wirklich noch 2019 Konversionstherapien verboten werden, dann wäre das der nächste Erfolg. Nur zu glauben, dass das der letzte war, das wäre ein Trugschluss.

leitartikel@swp.de
© Südwest Presse 12.06.2019 07:46
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