Hintergrund

Hält das Stromnetz?

Eine Million Elektroautos sollten eigentlich 2020 auf deutschen Straßen fahren. Bis 2030 sollen es sogar zehn Millionen sein. Aber sind die Stromnetze für einen E-Auto-Boom vorbereitet?

Das Schreckensszenario deutscher Stromnetzbetreiber sieht so aus: Der typische E-Auto-Besitzer kehrt um 19 Uhr von der Arbeit zurück und will gleichzeitig mit Millionen anderen Arbeitnehmern sein Auto an eine Steckdose anschließen. Diese Last würden die Netze schlichtweg nicht aushalten. „Bei einer hohen Verbreitung der Elektromobilität können Überlastungen in schwach ausgebauten Niederspannungsnetzen bevorstehen“, warnt die Münchner Forschungsstelle für Energiewirtschaft.

Das Problem ist die „letzte Meile“ der Stromversorgung: In der Regel binden Erdkabel mit niedriger Spannung Haushalte an ein regionales Verteilnetz an. Um das Stromnetz fit für die Zukunft der Mobilität zu machen, müssten die unterirdischen Kupferkabel eigentlich verstärkt werden. Das allerdings würde sehr viel Geld kosten.

Intelligenz statt Kupfer

Statt auf Kupfer setzt die Energiewirtschaft deswegen lieber auf die Digitalisierung: „Intelligentes Laden ist technologisch der Schlüssel zum Erfolg“, sagt Thomas Schäfer, Chef des Berliner Stromnetzes. Smarte Steuerungssoftware in den Ladesäulen soll dafür sorgen, dass nicht alle gleichzeitig angeschlossenen E-Autos gleichzeitig aufgeladen werden. Steuerliche Vorteile müssten dafür sorgen, dass Verbraucher sich die flexiblen Geräte auch wirklich anschaffen. Zudem könnten attraktive Tarife anreizen, das Fahrzeug nur in bestimmten Zeitfenstern zu laden.

Ob diese Lockstoffe ausreichen, ist dabei noch lange nicht sicher. Denn der Kunde müsste akzeptieren, nicht jederzeit auf ein voll aufgeladenes Fahrzeug zurückgreifen zu können. „Die Regelung einer Ladestation kann mit erheblichen Konsequenzen für Fahrzeugnutzer verbunden sein, da sich die Ladezeit dadurch zwangsläufig erhöht und die Einsatzfähigkeit des Fahrzeuges stark beeinflusst wird“, warnen Forscher der Uni Wuppertal. Ihre Untersuchung hat jedoch auch ergeben, dass das flexible System funktionieren kann. Wichtig sei, dass negative Auswirkungen auf ein Minimum reduziert werden.

Igor Steinle
© Südwest Presse 12.06.2019 07:46
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