Athletische Short Cuts zu Blues-Musik

Drei Choreografinnen aus Kanada zeigen in Stuttgart innovativen Tanz und ein bedrückendes Solo-Stück.
  • Aus „To this day“ des Ballet BC. Foto: Michael Slobodian
Kanada bietet eine ebenso professionelle wie kreative Tanzszene, wovon nicht zuletzt Stuttgart profitiert: Stuttgarts langjähriger Ballettchef Reid Anderson ist gebürtiger Kanadier, wie auch sein Kollege und im positiven Sinne ergänzender Theaterhaus-Antipode Eric Gauthier. Kein Zufall also, dass „Colours“-Programmplaner Gauthier beste Kontakte zu seiner Heimat pflegt. Schon zu Beginn des Festivals gab die Franco-Kanadierin Marie Chouinard ihre Visitenkarte ab, nun legte mit dem Ballet BC (das steht für British Columbia) eine ähnlich innovative Truppe nach: Drei starke Arbeiten von Choreografinnen, die den kompakten Stil der Company aus Vancouver nachhaltig widerspiegeln.

Vorneweg Emily Molnar, von der im Theaterhaus „To this day“ zu sehen war – in ihre Einzelteile zerfallene athletische Short Cuts auf Blues-Musik, zwischen den ins Publikum grüßenden Handzeichen der Truppe zu Anfang und am Ende. Zuvor hat Aharon Eyals „Bedroom Folk“ sieben Paarformationen, die sich immer wieder auflösen oder zu einer Körper-Masse zusammenfinden, gehörig wachgerüttelt und durchgeschüttelt.

Letzte Zuckungen des neoklassischen Erbes prallen auf alle möglichen und unmöglichen Bewegungsmuster: Auch hier ist William Forsythes langer Arm noch auszumachen. Crystal Pites Beitrag „Solo Echo“ lebt am allermeisten von den Positions- und Tempowechseln der sieben Ensemblemitglieder, von flüssigen und flüchtigen Kontakten, von der winterlich gedämpften Grundstimmung mitten im Hochsommer.

Drei weibliche Choreografie-Handschriften, denen an diesem Theaterhaus-Abend im Saal nebenan ein wirkliches Solo vorangestellt wird: Der Tänzer Pierre Rigal sieht sich in seinem eigenen Stück „Press“ in einen Raum eingekerkert, der in der verstreichenden Stunde zusammenschrumpft wie eine Blechpresse. Rigal exerziert das fabelhaft: Klebt mal wie Kafkas Gregor Samsa an der Decke, kämpft mit der Grabkammer-Enge und mit elektromagnetischen Störungen. Buchstäblich bedrückend. Wilhelm Triebold
© Südwest Presse 11.07.2019 07:45
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