„Rezepte wie in der Küche gibt es nicht“

Klimawandel, Artenschwund, Bevölkerungswachstum: Die Menschheit muss ein neues Denken entwickeln, um die größten Probleme zu lösen, sagt Ernst Ulrich von Weizsäcker.
  • Ernst Ulrich von Weizsäcker zieht die Zuhörer in seinen Bann. Foto: Volkmar Könneke Foto: Volkmar Könneke
Die Gelassenheit kann man seinem Alter zuschreiben. Doch der 80-Jährige trägt seine Botschaften auch völlig unaufgeregt vor – verbindlich im Ton, mit Worten, die jeder versteht. Dabei ist Ernst Ulrich von Weizsäckers Thema kein unterhaltendes. Es geht um das Überleben der Menschheit, und was sie unternehmen muss, um dies sicherzustellen. Natürlich darf da der Klimaschutz nicht fehlen. Aber genauso wichtig sei, das Wachstum der Weltbevölkerung zu begrenzen, die Artenvielfalt zu erhalten, eine Landwirtschaft zu betreiben, die Böden fruchtbar hält oder Ressourcen zu schonen, sagt er beim Forum der SÜDWEST PRESSE im bis auf den letzten Platz gefüllten Ulmer Stadthaus.

„Ja“, die Fridays-for-Future-Bewegung habe ihn „überrascht“, sagt der Naturwissenschaftler, der auch zwei Wahlperioden als Stuttgarter SPD-Abgeordneter im Bundestag saß. Anders Wijkman, sein schwedischer Kollege im Club of Rome, habe ihn aufgeklärt, warum der Protest in Stockholm begann. 28 riesige Waldbrände bescherte das Hitzejahr 2018 dem skandinavischen Land. „Jeder Schwede wusste, dass da was kaputt ist“ in der Erdatmosphäre. Also stieß Greta Thunberg mit ihrer Aktion auf offene Ohren. Seither trügen Schüler in vielen Ländern vor, was Wähler nicht hören und Politiker nicht anpacken wollten, um ihre Wiederwahl nicht zu gefährden. Der kraftvolle Satz laute: „Ihr macht uns unsere Zukunft kaputt.“

Die Klimaveränderung kann, so von Weizsäcker, zu einem Drama führen. Sein Szenario: Der Meeresspiegel steigt um sieben Meter, weil der Eispanzer auf Grönland ins Meer rutscht. „Um es unhöflich zu sagen: Dann ist die Kacke am Dampfen. Die Menschheit steht vor einem Flüchtlingsproblem, das tausend Mal größer ist als im Jahr 2015.“ Denn zwei bis drei Milliarden Menschen, sofern sie überlebten, müssten eine neue Heimat suchen. Abwegig? Ein ähnliches Ereignis gab es schon, erklärt der Professor. Vor rund 7700 Jahren. Eine Eisdecke rund um die Hudson Bay riss auf und landete im Atlantik. Dass solche Kipp-Punkte die von Menschen gemachte Erwärmung der Erdatmosphäre beschleunigen können, sei bekannt, ergänzt von Weizsäcker, Das Auftauen der Permafrostböden gehöre dazu.

Was tun? „Rezepte wie in der Küche“ gebe es nicht, meint der Naturwissenschaftler. Seine Idee, unterschiedliche nationale Budgets für Treibhausgas-Nutzungsrechte aufzustellen, um den Umstieg auf klimaneutrales Wirtschaften und Konsumieren zwischen Industrie- und Entwicklungsländern gerecht zu verteilen, sei auf der UN-Klimakonferenz 2009 in Kopenhagen gescheitert. Die USA, Russland, Saudi-Arabien, kurz, alle Länder, die über viel Kohle, Öl und Gas verfügen, hätten dies abgelehnt. Da hätten Länder wie Deutschland bereits 2024 die Grenze ihrer Emissionen erreicht und hätten sich Rechte aus Entwicklungsländern kaufen müssen.

Nicht in Trippelschritten

Jetzt rät er, die Verschmutzung der Atmosphäre zu verteuern. Damit dies nicht zum Armutsproblem werde, müssten Vielverbraucher fossiler Energien mehr bezahlen, Ärmere deutlich weniger. Von Weizsäcker fordert die Politik auf, die Finanzmärkte so zu regulieren, dass sie den Menschen dienten, nicht – wie zurzeit – dem Anhäufen von mehr Kapital. Hier identifiziert er vor allem ein Problem für die Demokratien: „Wenn allein die Finanzmärkte bestimmen, wo sie investieren, ist die Demokratie am Ende.“

Durch beide Maßnahmen könne es gelingen, dass Investoren ihr Geld in die Dekarbonisierung stecken. Daraus dürfte sich ein „Mechanismus zum Guten“ entwickeln, meint der Philosoph Weizsäcker. Und dies sei auch keine langsame Strategie in Trippelschritten. Flankiert werden müsse diese Veränderung durch Programme zur Aufforstung, wobei der Biologe eindringlich vor dem Anbau von Monokulturen warnt. Sie reagierten anfälliger für Klimaeinflüsse und Wetterextreme und trügen nichts zum Erhalt der Artenvielfalt bei.

National befürwortet von Weizsäcker SPD-Umweltministerin Svenja Schulzes Pläne für eine CO2-Steuer, wenn das Wort Steuer politisch auch zu den „vergiftetsten“ gehöre. Gar nichts hält er indes von dem Versuch, einen „korrekten Preis“ für die Tonne C02 auszurechnen. „Wer als Politiker einen präzisen Sollwert vorschlägt, verliert.“ Da spricht der Politikkenner. Als Wissenschaftler empfiehlt er etwa bei der Verkehrswende nicht auf eine Technologie allein zu setzen oder den Diesel schon abzuschreiben, der unter den Verbrennerfahrzeugen „natürlich“ der klimafreundlichste sei. Das mit Wasserstoff betriebene Brennstoffzellen-Auto hält er im Vergleich zum Elektroauto für die „elegantere“ Variante.

Und was rät er seiner schwer gebeutelten SPD? „Mit der Pinzette“ die Hartz-IV-Gesetzgebung zu verändern oder den Klimaschutz voranzustellen, ersetze noch kein neues Parteiprogramm. Die Sozialdemokraten müssten darlegen, wie sie die großen Zukunftsfragen gestalten wollen. Friedenspolitik ist für ihn ein zentrales Thema der ältesten deutschen Partei. Und da schließt sich Weizsäckers Kreis, denn gerade durch die Folgen des Klimawandels wachse die Gefahr kriegerischer Konflikte.
© Südwest Presse 11.07.2019 07:45
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