Motorsport

Rennboliden zwischen alter und neuer Welt

Während die Formel 1 in Silverstone zum Langeweiler zu verkommen droht, herrscht beim Saisonfinale der Formel E in New York Hochspannung.
  • Rasante Rennen vor den Toren Manhattans gibt es nur in der Formel E zu sehen. Foto: © dswinograd/Shutterstock.com
Der Kontrast könnte kaum größer sein: Während Mercedes, Ferrari und Co. schon zum 53. Mal auf dem altehrwürdigen Silverstone Circuit ihre Runden drehen, heizen in der Weltmetropole New York frühere Formel-1-Piloten wie Jean-Eric Vergne oder Sebastien Buemi mit ihren Elektroautos durch die Straßen. Dabei hat die Formel E längst das geschafft, was Ex-Formel-1-Chef Bernie Ecclestone nie gelang: Eine Rennserie unter dem Dach des Weltverbands Fia vor den Toren Manhattans zu etablieren, genauer gesagt am Hafen von Brooklyn.

Die Fernsehzuschauer können sich an diesem Wochenende entscheiden, wem sie ihre Aufmerksamkeit schenken: der alten Welt mit dröhnenenden Motoren und Benzingeruch oder der neuen Motorsport-Ära mit surrenden Elektromobilen und fliegendem Autowechsel. Oder beides. Sowohl der Große Preis von Großbritannien (Sonntag, 15.10 Uhr/RTL) als auch die Doppelveranstaltung in New York (Samstag und Sonntag, 22 Uhr/Eurosport) werden im Free-TV übertragen.

Die sportlich spannendere Veranstaltung, das ist schon jetzt klar, wird am „Big Apple“ steigen. Bislang gab es in elf Rennen acht verschiedene Sieger, dabei standen 15 von 22 Fahrern aus neun Nationen auf dem Podium. Dadurch hat beim Saisonfinale der Formel E neben dem Gesamtführenden Jean-Eric Vergne eine ganze Hand voll Piloten zumindest noch rechnerisch Chancen, sich in den letzten zwei Rennen der Saison noch zum Formel-E-Weltmeister 2018/2019 zu krönen. Allerdings ist schon ein größerer Patzer des Titelverteidigers aus Frankreich nötig, damit die Konkurrenz die 32 Punkte Rückstand an der US-Ostküste noch aufholen kann.

Die Formel 1 dagegen mutiert von Rennen zu Rennen mehr zum sportlichen Langeweiler. Der fünfmalige Weltmeister Lewis Hamilton kann sich nur noch selbst stoppen, die Verfolger sind längst abgehängt. Ferrari-Pilot Sebastian Vettel hat mit 123 Punkten nach nicht einmal der Hälfte aller Rennen bereits 74 Zähler Rückstand auf Hamilton (197).

So bleibt die spannendste Frage in Silverstone, ob Hamilton mit dem sechsten Sieg alleiniger Rekordhalter auf seiner Heimstrecke wird. Bislang liegt der Engländer mit Jim Clark und Alain Prost (je 5 Siege) gleichauf. Wenn man den deprimierenden Aussagen der „Roten“ Glauben schenkt, wird es wohl so kommen. „Wir erwarten nicht, dass Silverstone besonders gut zu unserem Auto passt“, gesteht Ferrari-Teamchef Mattia Binotto. Selbst Sebastian Vettel wirkt resigniert, wenn er vor dem Wochenende in Großbritannien kleinlaut sagt: „Ich glaube, dass wir bald ein Auto haben, das gewinnen kann. Wir haben aber schon noch sehr viel Arbeit vor uns.“

Batterie löst Verbrenner ab

Daneben ist der professionelle Motorsport längst bei der Gretchenfrage der Automobilindustrie angekommen: Kann der Elektromotor den Verbrenner auch dort langfristig ablösen? Für Motorsport-Experte Anno Hecker wird sich die Formel 1 irgendwann anpassen: „Keine Frage: Die Elektromobilität wird kommen. Und sobald man mit einer Batterie schneller fahren kann als mit einem Verbrennungsmotor, wird die Formel 1 mit Batterien fahren.“ Denn wenn die bekannteste Rennserie der Welt etwas sei, dann wandlungs- und anpassungsfähig.

Bis es so weit ist, fahren die beiden Rennserien nebeneinander her. Und wem es beim Klassiker in Silversone zu langweilig wird, der hat am späten Abend eine Alternative: Beim surrenden Saisonfinale vor der Skyline von Manhattan.
© Südwest Presse 11.07.2019 07:45
279 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.