Kühe leiden nicht nur in Großbetrieben

Nach mutmaßlichen Tier-Quälereien flammt die Diskussion über Haltungsobergrenzen auf. Der betroffene Viehhalter hat auch Betriebe im Südwesten.
  • Bilder, die schwer auszuhalten sind: Wegen des Verdachts auf Tierquälerei ermittelt die Staatsanwaltschaft. Foto: Soko Tierschutz
Massentierhaltung ist für die Partei der Grünen natürlich ein rotes Tuch. Doch Robert Habeck differenziert: „Du kannst auch zehn Kühe scheiße halten!“, sagte der heutige Bundesvorsitzende bei einer Vorstellungsrunde um den Vorsitzposten 2016 in Richtung des jetzigen Fraktionsvorsitzenden Anton Hofreiter.

Die Diskussion um Grenzen der Rinderhaltung ist nach dem Verdacht auf Tierquälerei im Allgäu wieder aufgeflammt – nicht nur bei den Grünen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen einen der größten Milchviehbetriebe Bayerns in Bad Grönenbach (Landkreis Unterallgäu). Der Augsburger Verein „Soko Tierschutz“ hatte Fotos und Videos aus dem Unternehmen mit 1800 Milchkühen und etwa 1000 Jungrindern veröffentlicht, auf denen unter anderem kranke Tiere mit Traktoren durch den Stall geschleift und mit einem spitzen Gegenstand traktiert werden.

Verstärkt kontrolliert

Jetzt wurde bekannt, dass es im baden-württembergischen Kißlegg zwei Betriebsstätten desselben Milchviehhalters mit etwa 300 Tieren gibt. Zwei Amtstierärzte stellten laut Landwirtschaftsministerium dort aber einen „ordentlichen Zustand“ fest und fanden keine Hinweise auf Misshandlungen. Diese Höfe werden nicht von dem Landwirt aus Bad Grönenbach geleitet, heißt es in einer Mitteilung. Die Stätten sollen dennoch „in nächster Zeit verstärkt“ kontrolliert werden, teilte Sprecherin Isabel Kling mit.

Doch verstärkte Kontrollen hat es wohl auch auf dem betroffenen Hof in Bayern gegeben. „45 Mal wurden mittlere und schwere Verstöße festgestellt“, sagt der Vizepräsident des bayerischen Landtags, Thomas Gehring (Grüne). „Den Milchbauern kennen alle im Allgäu, er wollte immer größer werden. Zuerst besaß er 1000 Kühe, jetzt sind es 1800.“ Die Größe des Betriebs spiele für das Tierwohl durchaus eine Rolle, ist Gehring überzeugt. „Wenn drei Leute auf einmal kündigen, was machen Sie denn dann bei so vielen Tieren, die jeden Tag versorgt und gemolken werden wollen und auch mal krank werden?“

Überforderung und Überlastung sieht auch der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) als Hauptgrund für Misshandlungen von Tieren. „Das kann mit der Psyche zu tun haben oder mit Burnout, manchmal bricht alles zusammen“, sagt BDM-Sprecher Hans Foldenauer. Der betroffene Betrieb befinde sich in einem Hochlohngebiet, Arbeitskräfte aus dem Ausland müssten beschäftigt werden, weil „die Jungen vor Ort lieber bei Maschinenbauern als zu Minilöhnen auf einen Bauernhof arbeiten“.

Zudem gebe es im Gegensatz zu Groß-Betrieben in Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen-Anhalt im Allgäu zu wenig Flächen um die Stätten. Gülle und Futter müssten über weite Strecken transportiert werden. „Ich hab schon Fahrzeuge des Landwirts in Heidenheim gesehen“, sagt Foldenauer.

„Groß“ bedeutet aber laut dem BDM-Sprecher nicht weniger Tierwohl. „Kleinere Betriebe können etwa kranke Kälber oder trächtige Kühe nicht ständig beaufsichtigen, da machen die Landwirte ja kein Auge zu.“ Auch Landwirtschaftssprecherin Kling will „nicht prinzipiell sagen, dass große Betriebe immer schlechter sind“. In Baden-Württemberg gebe es diese aber auch nicht, hier seien die Strukturen kleiner.

Ebenfalls diskutiert wird nun die Überwachung. Große Unternehmen sollen nicht von Veterinären kleiner Behörden vor Ort kontrolliert werden. „Die ganzen Vorgänge sind nicht nur erschreckend, sondern lassen auch das Vorgehen der Behörden mehr als zweifelhaft erscheinen“, sagte die bayerische SPD-Landwirtschaftsexpertin Ruth Müller. Das Verbraucherschutz-Ministerium setze sich für eine personelle Verstärkung der Kreisverwaltungsbehörden ein, heißt es in einer Erklärung.

Im Nachbarstaat soll die Zahl der Veterinäre auf 400 steigen. Tierschutz müsse immer an oberster Stelle stehen.

Für Gehring geht die Entwicklung der Landwirtschaft generell in die falsche Richtung. Im idyllischen Allgäu gebe es immer mehr größere Betriebe und immer weniger Tiere auf der Weide. Je mehr Hektar ein Landwirt besitze, desto stärker werde er subventioniert. Die Form der Haltung, Ökologie oder die Qualität der Produkte spiele dabei keine Rolle. Landwirte, die sich kleinere Ställe bauen wollten, würden nicht unterstützt. Politiker in Berlin und Brüssel müssten endlich umdenken und Verbraucher bereit sein, mehr Geld für Lebensmittel auszugeben.
© Südwest Presse 11.07.2019 07:45
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