Ein wilder Ritt durch den Grand Canyon

USA Vor 150 Jahren durchfuhr John Wesley Powell als Erster den gesamten Grand Canyon auf dem Colorado. Heute ist die Tour immer noch ein großes, spannendes Abenteuer.
  • Foto: Michael Juhran

Wir schießen an spitzen Steinen vorbei, die aus dem Wasser ragen. Dann wird unser kleines Boot von einem Strudel erfasst und mehrfach gedreht . . . Wir haben die Kontrolle über das Boot verloren.“ Diese Stelle aus dem Tagebuch der Powell-Expedition verdeutlicht, welchen Herausforderungen sich die Flusspioniere im Jahr 1869 zu stellen hatten. Viele Abenteurer vor ihnen waren an den gewaltigen Stromschnellen und an der Unzugänglichkeit des tosenden Flusses am Fuße der bis zu 1 600 Meter hohen Ufersteilwände gescheitert.

Eine Rafting-Tour auf dem Colorado ist heute kaum weniger abenteuerlich, über einen professionellen Veranstalter organisiert aber wesentlich bequemer und ungefährlicher. Auf motorgetriebenen Schlauchbooten bringt man die 300 Kilometer lange Flussfahrt in sechs Tagen hinter sich. Powell benötigte drei Monate, bis er am 30. August 1869 das Ende des Canyons erreichte.

Sechs Tage Abgeschiedenheit

Die Tour beginnt nahe Page im Nordosten Arizonas. An der Lees Ferry geht es auf den Fluss, der in den letzten sechs Millionen Jahren die 446 Kilometer lange und bis zu 29 Kilometer breite Schlucht des Grand Canyon aus den Gesteinsschichten des Colorado-Plateaus herausspülte. In den nächsten sechs Tagen wird ein Satellitentelefon die einzige Verbindung zur Außenwelt sein. Aber die vier Guides von Arizona River Runners sind erfahrene Profis, die ihre 27 Mitreisenden in zwei großen Booten sicher durch die Stromschnellen schleusen werden. Sie wissen, dass der Fluss jeden Tag ein anderes Gesicht zeigt. Er kann bei Sonnenschein gemächlich dahinrauschen, aber bei heftigem Gewitter zu einer reißenden braunen Schlammwalze werden. In kürzester Zeit steigt dann der Schwierigkeitsgrad der Stromschnellen, der auf einer Skala von 1 bis 10 gemessen wird. Bald sind die ersten größeren Stromschnellen mit einer Schwierigkeit von 4 bis 6 erreicht. Das Gummiboot fährt wie in einen Trichter hinab, dann schäumen Wellen über den Bug des Bootes, saugen es rasend schnell in ein Wellental und spucken es wieder aus – ein Prozedere, das sich Mal um Mal wiederholt. „Großartig“, befinden die Passagiere nach der Taufe einmütig.

Vier Stunden am ersten Tag

Die Stimmung an Bord steigt weiter, als die Passagiere das Donnern der nächsten Stromschnellen hören. Wieder und wieder werden die Boote von den schäumenden Wasserkesseln auf und ab gewirbelt. Nach vier Stunden ist die erste Tagestour beendet. Von Hand zu Hand werden Faltstühle und Küchenutensilien den Flussstrand hinauf zum Schlafplatz weitergereicht. Unter freiem Himmel errichtet jeder sein Feldbett und rollt den Schlafsack aus. Selbst eine transportable Toilette findet im Gebüsch einen Platz, denn nichts wird unterwegs zurückgelassen. Vor dem Dinner kommt man mit den Mitreisenden ins Gespräch. Neben vier Deutschen und drei Australiern sind es mehrheitlich US-Amerikaner, die sich mit der Fahrt einen Lebenstraum erfüllen. Das Alter der Teilnehmer reicht von 20 bis mehr als 70 Jahre. Nach den gegrillten Lachsfilets leuchtet ein glasklarer Sternenhimmel.

Dann wird unser kleines Boot von einem Strudel erfasst und mehrfach gedreht.

John Wesley Powell Pionier

Reise durch die Erdgeschichte

Auf der Weiterfahrt wechseln die immer höher wachsenden Canyonwände ständig Farbe, Form und Konsistenz. Immer tiefer geht es in die Erdkruste hinein – eine Reise durch 1,8 Milliarden Jahre Erdgeschichte mit insgesamt 40 Schichten sedimentärer Ablagerungen und metamorphen Gesteins.

Neben den täglich rund fünf Stunden auf dem Wasser verschaffen Wanderungen in Seiten-Canyons mit erfrischenden Wasserfällen, bizarren Felsgebilden, engen Canyons und grünen Oasen Einblicke in Flora und Fauna. Dickhornschafe, Falken, der seltene Condor und kleine Echsen sind hier zu Hause, Utah-Agaven und rote Kakteenblüten bilden Farbkontraste an den Uferhängen. Beim Landgang an der gigantischen Höhle Redwall Cavern treten fossile Spuren ältesten Meereslebens zutage und in Nankoweap führt eine Wanderung zu den Ruinen der Kornkammern des Anasazi-Clans, die bis vor 700 Jahren hier lebten und Mais kultivierten. Am Kleinen Colorado, einem Zufluss, sorgt eine natürliche Wasserrutsche im hellblau schimmernden Wasser für Gaudi.

Am Morgen des sechsten Tages passiert die Rafting-Truppe den Havasu Creek. Üppiges Grün ziert die Ufer, das milchig-blaue Badewasser ergießt sich über Stein-Kaskaden. Umrahmt von ocker-braunen Felswänden meißelt der Bach eine bilderbuchartige Landschaft in das harte Gestein. Eine Art Ruhe vor dem Sturm, denn in den Lava Falls – einer dunklen, engen Schlucht – erreichen die Stromschnellen die 10 auf der Skala, den höchsten Schwierigkeitsgrad. Tosende Wellen bäumen sich bis zu vier Meter auf, zerren am Boot und schlagen über den Passagieren zusammen. Nach jeder gut überstandenen Stromschnelle wird gejubelt. Dieses Erlebnis hallt beim Abendessen nach, Begeisterung klingt aus den Stimmen der Teilnehmer durch. Die Probleme des Alltags sind an diesem Abend weit weg. Und einige Teilnehmer melden sich nach der Tour. Der Colorado hat ihren Lebensrhythmus verändert.

© Schwäbische Post 12.07.2019 15:09
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