Bei den Menschen das Waldes

Südostasien Der indonesische Teil der Insel Borneo, genannt Kalimantan, ist ursprünglich und weitgehend unerschlossen - und ein Muss für Orang-Utan-Fans.
  • Foto: Rainer Lang

Waldgeister sind im Regenwald von Borneo überall, und als der Reisende des Abends nassgeschwitzt vom Trekking die Gelegenheit hat, im Wasserfall unweit des Baumhaus-Camps vom Lapak-Jaru-Forest ein Bad zu nehmen, verzichtet er lieber. Denn die Ranger hatten gewarnt: „Dort lebt eine Waldgöttin: Wegen ihr nie in der Dämmerung baden, nur tags oder in tiefer Nacht.“ Ein Junge, der die Regel missachtet habe, sei mit rotem Hautausschlag bestraft worden. Nachts baden, hier auf Kalimantan, dem indonesischen Teil von Borneo, der drittgrößten Insel der Welt?

Anders als das von Touristen überflutete Bali wird das unwegsame und touristisch kaum erschlossene Borneo nur von Abenteurern, Individualtouristen oder Umweltaktivisten besucht – und einer von ihnen hatte Tage zuvor am Regionalflughafen von Palangkaraya vom Baden im Schwarzen Fluss südlich der Küstenstadt Balikpapan erzählt. Da habe er im vom Schlamm des Mangrovenwaldes dunkel gefärbten Wasser eine Schlange gesehen, und am Rücken habe ihn ein unbekanntes Wassertier gestreift. Geht’s unheimlicher? Also nachts baden, auf keinen Fall. Aber der rührige Reisegruppenleiter Berdodi, Gebieter über ein halbes Dutzend Mitarbeiter und Geländewagen, hat an diesem Abend einen Geheimtipp für Schwitzende: Es gebe am Rand des nächsten Dorfes einen kleinen Pool, der habe nachts geöffnet – es wird dann noch ein wunderbares Badeerlebnis mit Blick auf die Kronen 60 Meter hoher Urwaldriesen und den klaren Sternenhimmel.

Tiergeschrei in der Nacht

Die Baumhäuser von Lapak-Jaru sind spartanisch ausgestattet. Auf einem eingekerbten Baumstamm erklettert man sie, fällt rasch in den Schlaf – und wird gegen 3 Uhr von markerschütternden Tierschreien geweckt. Ein Nasenaffe, ein Malaienbär, ein Nebelparder? Morgens beim Frühstück unter einer Zeltplane ist man froh, nicht allein zu sein mit dem Gehörten. Andere berichten, sie hätten noch nie so etwas Angstmachendes gehört wie in dieser Nacht.

Reiseleiter Berdodi, der zur Volksgruppe der einheimischen Dayak gehört, hat eine Erklärung: Im Camp lebten zwei im Prinzip gute Waldgeister, ein männlicher und ein weiblicher. „Wenn die Hunde mit ihnen kommunizieren, verwandelt sich ihr Gebell. Ihr habt einen Hund gehört.“

Die Dayak sind Waldbewohner, sie leben vom Wald. Dass sie Kopfjäger waren und ihre Trophäen im Haus aufhängten, ist lange her. Auf einem Waldtrail unweit der Siedlung Tumbang Malahoi führt Ibu Tampung, die Frau des Dorfchefs, mit einer Machete schlagend durchs Dickicht. Sie zeigt den harten Eisenbaum, aus dessen Wurzelfächern Schüsseln geschnitten werden. Sie rupft hier ein paar Blätter, dort etwas Baumgrün, das sie mit den Händen zerreibt: es schäumt, Seife aus dem Wald!

Flöße aus Bambusrohren

Sein Verhalten zeigt, dass ihm unser Besuch nicht passt.

Okie Ramadhani Tierschützerin

Geplant ist eine Floßfahrt auf dem Rungan-Fluss nach Malahoi, aber mit leerem Magen geht das nicht. „Hast du schon gegessen?“ ist ein Morgengruß auf Borneo. Also eine Stärkung beim Dschungel-Picknick: lecker zubereitete Liane, Maniok-Grün und Rattan, Zwiebel-Chili-Salat, Cat-Fisch, Hühnchen in Erdnuss – nur Python fehlt, früher ein Lieblingsgericht der Dayak. Die Flößer warten am Ufer, sie haben aus jeweils 25 starken Bambusrohren ihre Flöße gebaut, die fünf Menschen tragen können. Die Dörfer der Dayak liegen stets flussabwärts. Um Tiere zu erlegen oder Waldfrüchte zu sammeln, sind die Dayak früher flussaufwärts gezogen, um später mit der Beute auf den Flößen bequem stromabwärts zurückzukehren. Wir werden die Nacht in Malahoi verbringen, die Einfahrt auf dem Wasser in diese idyllische Waldsiedlung ist von einem Schrecken begleitet: überall am Ufer schwimmen Klohäuschen auf dem Fluss, zu denen man nur auf schmalen Balken balancierend gelangt – eine Herausforderung für schwere Europäer. Das Gästehaus (hat gottlob ein normales WC) ist eins der wenigen erhaltenen Langhäuser der Dayak, entstanden Ende des 19. Jahrhunderts, massiv aus dem dunklen Holz des Eisenbaums. Für umgerechnet ein paar Euro nimmt die Wirtin Fremde auf, aber das 30 Meter lange Langhaus ist kein Hotel. Es ist traditionell ein Haus für Familien, die sich früher zusammentaten, um Feinden zu trotzen. Unter dem Dachgestühl hängen Tierschädel. An diesem Abend ist das Langhaus, das erst nach einer rituellen Säuberung durch den Dorfmagier betreten werden darf, ein Bürgersaal: Dutzende von Dorfbewohnern sind da, um Tänze der Dayak zu sehen, die für die Touristengruppe aufgeführt werden.

Die würdevolle Erscheinung

Aber kein Borneo-Besuch ohne Orang-Utan, hier leben noch 50 000, auf Sumatra sind es 10 000, heißt es bei der Tierschutzorganisation BOS (Borneo Orang-Utan Survival Foundation). Rund eine Stunde Fahrt von der Regionalstadt Palangkaraya liegt auf der Kaja-Island am Rangun-Fluss ein Refugium für aus Gefangenschaft gerettete oder verwaiste Orang-Utan, die ausgewildert werden. Mit dem Boot geht es vom blumenreichen Dorf Sei Gohong den Fluss hinauf, Ranger registrieren die Personalien.

Irgendwann sieht man sie – zwei „Menschen des Waldes“, wie sie meisterhaft in den Baumwipfeln schwingen. Ihr Futter sollen sich die Tiere selbst suchen, aber trotzdem gibt es eine Futterstelle, die in unregelmäßigen Abständen – damit kein Gewöhnungseffekt eintritt – bestückt wird.

Ein großer Orang-Utan liegt am Ufer und bewacht den Futterplatz, er hat seine Hand über die Augen gelegt, eine würdevolle Erscheinung, selbst über die Distanz von 50 Metern ist das spürbar. „Nicht zu nahe dran“, murmelt BOS-Tierschützerin Okie Ramadhani dem Bootsführer zu. „Sein Verhalten zeigt, dass ihm unser Besuch nicht passt.“ Der Orang-Utan möchte mit dem Wald allein sein, wir respektieren das und drehen ab.

© Schwäbische Post 19.07.2019 16:30
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