Die Blumenschlacht im Ärmelkanal

Jersey Bei vielem tanzt die Kanalinsel aus der Reihe: Der sonnenreichste Archipel im Ärmelkanal unterliegt besonderen Steuergesetzen und lockt aber vor allem mit einer atemberaubenden Vegetation.
  • Fotos: Andrea Weller

Die Steueroase Jersey: Die nur knapp 120 Quadratkilometer große britische Insel im Ärmelkanal ist vor allem wegen ihres Sonderstatus bekannt. Sie ist direkt der britischen Krone unterstellt und gehört nicht zur Europäischen Union. Unternehmen zahlen hier so gut wie keine Abgaben. Kein Wunder, dass sich auf Jersey vieles um Finanzen dreht. Aber bei Weitem nicht nur.

Durch den Golfstrom bedingt herrscht auf Jersey ein ebenso regen- wie sonnenreiches mildes Klima. Eine weitere Besonderheit ist der immense Tidenhub. Der Unterschied zwischen Ebbe und Flut kann an manchen Uferstrecken bis zu 14 Meter ausmachen, die Insel „verdoppelt“ sich sozusagen, wenn das Wasser zurückgeht. Viele Touristen kommen jedoch wegen der beeindruckenden Vegetationszonen: Entlang der Küstenstraße um die Hauptstadt St. Helier zum Beispiel gedeihen Palmen, Bananenstauden und Hibiskus, stellenweise wähnt sich der Besucher in mediterranen Gefilden wie Saint-Tropez. Im Inneren der Insel hingegen findet man üppige, dschungelartige Wälder, sehr viel Farn, Wildblumen und Wildkräuter.

Feuerwerk des Geschmacks

Letztere sind die Passion von Kazz Padidar, einem drahtigen Mann mit Rasta-Frisur. Kazz ist der Gründer von Wild Adventures Jersey, einem Unternehmen, das Outdoor-Aktivitäten wie Busch-Camps, Abseilen oder Kajakfahren anbietet. Wen er hingegen an der St. Ouen’s Bay, Jerseys feinstem Sandstrand entlang der Westküste, zur Wildkräuter-(Sammel-)Tour mitnimmt, der darf sich auf ein Feuerwerk an bis dato unbekannten Geschmackseindrücken freuen.

Kazz steht im mitunter hüfthohen Grün, zupft hier und da auf der Wanderung unscheinbare Kräutlein ab, viele mit, andere ohne Blüten, lässt die Teilnehmer daran riechen – dann darf man sie essen. Sie schmecken wahlweise scharf, säuerlich-krautig, nussig, fruchtig, bittersüß. „Das ist Mega-Superfood.“ Kazz lacht sein ansteckendes Lachen, und seine langen Dreadlocks wippen. Der Berufsabenteurer verkauft selbst gesammelte Wildkräuter an Top-Restaurants. „Das ist inzwischen ein gutes Geschäft.“ Er schwört im Übrigen auch auf an Vollmond gezapften Birkensaft. „Das gibt Power“, doziert Kazz, „es gibt nichts Besseres.“ Ihm nimmt man das ab, er strotzt vor Kraft und Lebensfreude.

Unverkäufliche Orchideen

Wir wollten alle möglichen unterschiedlichen Grüntöne in unserem Garten haben.

Marcus Binney Opernveranstalter

Ein besonderes Erlebnis ist auch ein Besuch in der Eric Young Orchid Foundation im Hinterland von Jersey. Die Einrichtung beherbergt eine der schönsten Pflanzensammlungen Europas mit seltenen Orchideenarten. Regelmäßig räumen Züchtungen der Foundation bei der „Chelsea Flower Show“, der berühmten jährlichen Gartenschau in London, Goldmedaillen ab. „Orchideen sind die extravagantesten aller Blumen“, sagt Chris Purver von der Foundation. Er führt Besuchergruppen durch die Gewächshäuser mit Tausenden von Pflanzen, die ausschließlich für Ausstellungen und Messen gezüchtet, aber nicht verkauft werden. Diese exotischen und teils sehr seltenen Orchideen haben so gar nichts mit jenen zu tun, die man in hiesigen Gartencentern kaufen kann. Keine der skulpturartigen Blüten gleicht einer anderen, der Begriff „Diversity“ bekommt hier eine ganz neue Bedeutung.

Opernnächte im Grün

Und natürlich gibt es auf Jersey jede Menge Gärten und Parks – wie etwa die weitläufigen „Botanic Gardens at Samarès Manor“ in St. Clement oder private Gärten wie den Landsitz „Domaine des Vaux“ in St. Lawrence, den das Ehepaar Marcus und Anne Binney in jahrzehntelanger Arbeit mit Pflanzen und Gehölzen aus aller Welt kultiviert hat. „Wir wollten alle möglichen unterschiedlichen Grüntöne in unserem Garten haben“, erklärt Marcus Binney. Um das Wohnhaus, ein historisches restauriertes Herrenhaus, wachsen Hibiskus, Hortensien, Oleander, Rosen, Jersey-Lilien, Magnolien, Kamelien und Rhododendren – ein Meer aus wechselnden Farben, das ganze Jahr über blüht und grünt es auf dem rund fünf Hektar großen Anwesen. Im Sommer veranstalten die Binneys dort Opernnächte unter freiem Himmel.

Ein Highlight für Blumenfreunde findet in Kürze am 8. und 9. August statt: Dann wird der traditionelle Blumenkarneval gefeiert, der seit 117 Jahren zur Tradition der Insel gehört. Mehr als 3 000 Inselbewohner arbeiten fast das ganze Jahr über an den blumengeschmückten Motivwagen, die Inselgemeinden konkurrieren dabei um das schönste Gefährt. Das duftende Spektakel zieht jährlich rund 25 000 Besucher an. Die „Battle of Flowers“ (Blumenschlacht) – auch bei diesem Event macht Jersey, die Blumeninsel, ihrem Ruf alle Ehre.

© Schwäbische Post 02.08.2019 15:58
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