Asiatenrollen nur mit Asiaten?

Eine multinationale Gruppe Kulturschaffender wirft deutschen Häusern „koloniale Traditionen“ vor.
Ein Theaterstück über eine vietnamesische Fluchtgeschichte. Geschrieben von einem österreichischen Autor, besetzt nur mit europäisch aussehenden Schauspielern. Na und?, sagen manche. Skandal!, rufen andere. Ein offener Brief deutsch-asiatischer Kulturschaffender wirft dem preisgekrönten Theaterstück „Atlas“ eine „Neuauflage kolonialer Traditionen“ vor.

Der im Juni veröffentliche Brief des Netzwerks „Korientation“ kritisiert die Tatsache, dass das Stück, das als Auftragswerk des Schauspiels Leipzig entstand, „ausschließlich von weißen Menschen geschrieben, inszeniert und gespielt“ wurde. Im Rahmen eines Gastspiels kam das Werk auch ans Deutsche Theater in Berlin.

Der Verein sprach von einer verpassten Chance, den „Theaterbetrieb endlich auch für asiatische Theaterschaffende“ zu öffnen. Eine Dramaturgin, die an der Inszenierung in Leipzig mitwirkte, sagte der „taz“, es gebe natürlich auch im Kulturbetrieb strukturellen Rassismus.

Sie lehne aber die Forderung ab, asiatische Rollen nur mit asiatischen Schauspielern zu besetzen. Schauspieler könnten im Theater auch für andere stehen, sonst müsse Hamlet immer mit einem Dänen besetzt werden.

In Berlin will das Projektbüro „Diversity Arts Culture“ eine Öffnung für alle, die im Kulturbetrieb „strukturell benachteiligt“ sind. Gefördert von der Senatskulturverwaltung, geben sieben Expertinnen dem Kulturbetrieb Nachhilfe in Sachen Vielfalt, um den Blick für Diskriminierung zu schärfen, Zugang zu benachteiligten Gruppen zu finden und Künstler mit Diskriminierungserfahrung besser einzubinden.

„Migration öfter thematisieren“

Aber ist die Hochkultur wirklich so verschlossen? Zahlen der Berliner Denkfabrik „Citizens for Europe“ zu den Chefetagen von Berliner Theaterhäusern zeigen, dass 2015 immerhin jede fünfte Führungskraft einen Migrationshintergrund hatte.

Der Direktor des Deutschen Bühnenvereins Marc Grandmontagne sagt: „Eine Weiterentwicklung der Theaterspielpläne wird unumgänglich sein.“ Auch Bartsch geht davon aus, dass mehr Menschen mit Migrationshintergrund in die kulturellen Einrichtungen kämen, wenn das Thema „Migration“ öfter behandelt würde.

Zwei „Leuchttürme der Diversität auf deutschsprachigen Bühnen“ hebt die Studie der „Citizens for Europe“ hervor: Das Maxim-Gorki Theater und das Ballhaus Naunynstraße. Beide Häuser tragen die Handschrift der deutsch-türkischen Theatermacherin Shermin Langhoff. Sie setzt gezielt auf ein multinationales Ensemble. Taylan Gökalp
© Südwest Presse 13.08.2019 07:45
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