Vegane Cupcakes, Wein und Vinyl

Schweiz Luzern gilt mit seinem mittelalterlichen Stadtkern als Inbegriff der traditionellen Schweiz. Doch die Stadt hat auch eine unkonventionelle und moderne Seite.
  • Foto: Geraldine Friedrich

Was für ein Kontrast: Eben steht man noch in einer Traube chinesischer Touristen vor dem Löwendenkmal, zehn Minuten später öffnet sich von der begehbaren Altstadtmauer der Blick auf eine grüne Wiese samt Bauernhof. Hier grasen allerlei Viecher: Alpakas, Zwergziegen, Schottische Hochlandrinder, auch Minischweine und Appenzeller Spitzhaubenhühner bevölkern das 2,4 Hektar große Gelände. „Hinter Musegg“ heißt der 400 Jahre alte Hof mitten in der Stadt. Die Idee des Kulturhofs ist eine Symbiose, in der Tiere und Pflanzen so leben, dass es für alle Beteiligten artgerecht ist. Hier treffen sich Einheimische, Touristen und Schulklassen. Letztere dürfen kommen, um mehr über Flora und Fauna zu erfahren, aber: „Wir sind kein Streichelzoo. Für uns steht das Wohl der Tiere an erster Stelle“, erklärt Pia Fassbind, die mit Gatte Walter den Hof in Erbpacht betreibt und die Gebäude aufwendig modernisiert hat.

Die „Hofbeiz“

Die Lage ist kurios: Hof, Ställe und Scheune liegen geradezu eingeklemmt zwischen mittelalterlicher Museggmauer, einem Sportplatz und mehreren Tartanbahnen. Die Sportanlage stammt aus dem Jahr 1965 und verströmt den entsprechenden Charme. „Heute würde man das städtebaulich nicht mehr so machen“, meint Fassbind. Doch nun ist es so, wie es ist, und sie machen das Beste daraus: Neben der Landwirtschaft betreibt das Paar seit 2015 eine „Hofbeiz“. Dort gibt es Speisen wie „Beizsalat mit Geisskäse, Bio-Thymian und Birnen-Vinaigrette“ und neben Bio-Hamburgern auch sonntäglich einen üppigen Brunch, unter anderem mit eigenen Eiern sowie Raclette, Rösti, Speck und hausgemachtem Obstkuchen.

Das Bruchquartier erkunden

Die 80 000-Einwohner-Stadt Luzern, die mit ihrem Blick auf das Bergmassiv Pilatus, der Lage am Vierwaldstätter See und ihrem mittelalterlichen Stadtkern als Inbegriff der traditionellen Schweiz in Miniaturformat gilt, hat also eine moderne, unkonventionelle Seite. Für Wiederholungstäter, die Gletschergarten und Bourbaki-Panorama schon bei anderer Gelegenheit abgearbeitet haben, lohnt es sich, das Bruchquartier zu erkunden. Es entstand aus der Not, da den reichen Patrizierfamilien fast die gesamte Altstadt gehörte, die Normalsterblichen aber keine Wohnungen mehr fanden.

Die Stadtplaner errichteten das Viertel Ende des 19. Jahrhunderts größtenteils in einem Baustil, der sich Blockrandbau nennt. Es handelt sich dabei um quadratische Wohnblöcke, die sich um einen Innenhof gruppieren. Ein bisschen wie in Berlin, nur schlägt im Falle Luzerns hier und da der Heimatstil durch. Obwohl es in der Umgebung Luzerns zahlreiche Steinbrüche gab, stammt der Name „Bruch“ nicht daher, sondern leitet sich vom mittelhochdeutschen „Bruoch“ für Sumpf ab.

Ich habe mir schon von berühmten Museen Böses am Telefon anhören müssen.

Angela Rosengart Kunstsammlerin

Im Szeneviertel von Luzern

Das ehemalige Arbeiterviertel hat sich nicht nur zu einem begehrten Wohnquartier entwickelt, sondern sich auch zu einem Szeneviertel mit Ateliers, Lädchen, Bars und Restaurants gewandelt. Als da wäre beispielsweise das „Crazy Cupcakes“. Dort serviert die Konditorin Doris Hafenmayer in Wohnzimmer-Atmosphäre selbst hergestellte farbenprächtige und vegane Törtchen. Oder das daneben liegende „Häxelädeli“ mit dem sinnigen Namen Zwischenwelt, in dem der sympathische „Wicca Dreamdancer“ Räucherzutaten und Amulette verkauft. Schräg gegenüber befindet sich das auf Shabby Chic spezialisierte Atelier Unikatum, in dem Besucher Iris Polin zuschauen können, wie sie mittels Spezialfarbe aus unansehnlichen Tischen wieder attraktives Mobiliar schafft. Von Polins Atelier lässt sich wiederum nahtlos das Geschäft „Vin & Vinyl“ von Oliver Obert betreten. Obert verkauft an drei Tagen Wein, der ihm schmeckt, und Schallplatten, die er gut findet. Früher spielte der 49-jährige Familienvater selbst in einer Rockband. Die Öffnungszeiten sind eigenwillig wie das Angebot. Allen gemeinsam ist: Sie sind Überzeugungstäter, die Beruf und Leidenschaft mit einer Spur Eigensinn vereinen. Dazu passt auch die Sammlung Rosengart in der Luzerner Neustadt. Das von der gleichnamigen Stiftung betriebene Museum beherbergt im ehemaligen Gebäude der Schweizerischen Nationalbank 300 Gemälde und Zeichnungen aus dem 20. Jahrhundert. Darunter sind allein 32 Gemälde plus 100 Zeichnungen und Grafiken von Pablo Picasso. Wenn man berücksichtigt, dass Picassos Bild „Junge mit Pfeife“ bereits 2004 für mehr als 100 Millionen Euro verkauft wurde, lässt sich der Wert dieser Sammlung erahnen. Auch 125 Werke von Paul Klee gehören dazu. Der Name der Sammlung rührt von dem verstorbenen Kunstsammler Siegfried Rosengart her, der Picasso und Klee persönlich kannte und eben nicht alle Werke weiterverkaufte, sondern sich von einigen einfach nicht trennen konnte. Seine mittlerweile 86 Jahre alte Tochter Angela Rosengart führt die Sammlung fort. Bis 2002 waren die Werke in der Privatvilla der Familie. „Allein im Schlafzimmer hingen 50 Klees“, erinnert sich Martina Kral, die als Kuratorin häufig Gäste durch die Sammlung führt. In dem wuchtigen Ex-Bankgebäude mit vergitterten Fenstern gehört das gesamte Erdgeschoss nun Picasso. Spannend: Sämtliche Bilder hängen chronologisch. Insbesondere bei Picasso lässt sich dadurch nicht nur seine künstlerische Weiterentwicklung verfolgen, sondern es dokumentiert auch wunderbar die Reihenfolge seiner Lebensabschnittsgefährtinnen.

Bilder sind die Kinder

Zu diesen zählte Angela Rosengart zwar nicht, aber auch sie wurde von Picasso fünfmal porträtiert. Die kinderlose Kunstsammlerin sieht ihre Bilder als ihren Nachwuchs an. Daher verleiht sie ihre Werke grundsätzlich nicht an andere Museen. Kral: „Ich habe mir schon von berühmten Museen Böses am Telefon anhören müssen.“ Aber: Wer verleiht schon seine Kinder?

© Schwäbische Post 16.08.2019 15:49
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