Der Ort, der das Leben des Papstes grundlegend änderte

Argentinien In Buenos Aires führen Rundgänge zu diversen Lebensstationen des katholischen Oberhauptes.
  • Papst Franziskus ist in Buenos Aires allgegenwärtig Foto: Mauritius/Karol Kozlowski

Dieser Beichtstuhl ist schon ein bisschen eine Reliquie. Braun lackiertes, schweres Holz, eine Schwingtür für den Priester, mit Säulen gegliedert, von einem Kreuz gekrönt. Was hier gesprochen wird, hat sakrales Gewicht, das unterstreicht diese Architektur. Aber nichts hatte wohl solche Folgen wie jenes Beichtstuhl-Gespräch am 21. September 1953, verkündet ein großes Schild über der Beichtstuhl-Tür. Da sei ein Mann dem Ruf Gottes gefolgt, Priester zu werden: Jorge Mario Bergoglio – heute Papst Franziskus. 16 Jahre alt war Bergoglio damals, als er kurz in seine Pfarrkirche San José trat, im Stadtteil Flores von Buenos Aires. Er war auf dem Sprung zu einem Picknick mit Gleichaltrigen. Seine Schwester hat später erzählt, er habe dort ein Mädchen fragen wollen, ob sie mit ihm gehen wolle. Dann aber traf er in der Kirche einen Priester, den er vorher nie gesehen hatte, begann ein Gespräch mit ihm, legte die Beichte ab – und ging nach Hause statt zu seinem Date. „Ich kann nicht sagen, was geschehen ist“, erzählte er später in einem Interview. „Ich wusste jedoch, dass ich Priester werden musste.“

Ein folgenschwerer Tag nicht nur für Jorge Bergoglio, sondern auch für Buenos Aires. Die Metropole der sowieso schon so hyperselbstbewussten Einwohner hat einen Glanzpunkt mehr, den ersten lateinamerikanischen Papst. Auf dessen Spuren zu wandeln, ermöglicht inzwischen ein Papst-Rundweg. Die Stationen seiner Jugend finden sich alle im Stadtteil Flores. Das ist definitiv kein Touristenbezirk, und so erntet man, spricht man mit Einheimischen, erst mal ein nachdenkliches Wiegen mit dem Kopf, wenn man das Ziel nennt. Ist schon okay, heißt es dann, aber nur tagsüber, wenn die Straßen belebt sind. Die zeigen sich in all der Geschäftigkeit einer Millionen-Metropole. Flores war ein Bezirk vor allem der italienischen Einwanderer – Pasta-Läden mit eigenen Nudelmaschinen, Obstgeschäfte mit ausladenden Ständen, bewahren das südeuropäische Flair.

Das unscheinbare Geburtshaus

1929 sind auch die Großeltern und der Vater des Papstes nach Argentinien emigriert und schließlich in Flores sesshaft geworden. Der Vater hat bald ein Mädchen, dessen Eltern ebenfalls aus Italien emigriert waren, geheiratet. Und so kam am 17. Dezember 1936 Jorge Bergoglio zur Welt. Wo – das hat man erst 2014 nach langem Aktenstudium herausbekommen: in der Straße Varella 268. Das ist eine ruhige Seitenstraße, die Häuser sind oft noch niedrig – erste Generation. So auch die Varella 268: eigentlich nur ein vergitterter Eingang, durch den man in einen schmalen, gepflasterten Gang sieht, von dem Hinterhof-Wohnungen abgehen. Ein unscheinbares Haus, das niedrigste in der Reihe. Aber jetzt mit Marmortafel geschmückt: „In diesem Haus wurde Papst Franziskus geboren.“ Die Familie zog bald um, in die Membrillar 531. Ein deutlich größeres Haus für die bald siebenköpfige Familie. Eine Palme überragt es, es sieht auch modern aufgehübscht aus. Auf jeden Fall hatte es der junge Jorge nicht weit zum Kindergarten, der im Komplex des Institutes „Nuestra Señora de la Misericordia“ war. Ein schwerer klassizistischer Bau mit neugotischer Kirche, von hohen Eisengittern umgeben. Ordensschwestern betreiben ihn bis heute, eine riesige Papstfahne kündet von ihrem prominentesten Schützling. Ein paar Straßen in die andere Richtung führte Jorges Weg zur Grundschule. 1915 wurde an der Varela 358 die „Escuela Pedro Antonio Cerviño“ gegründet. Und aus der Schule, grün-rot bemalt und natürlich auch mit einer Papstplakette, strömen mittags immer noch die Schüler.

Nachmittage des Spiels

Vom jungen Jorge wird berichtet, dass er sich dann einen Fußball schnappte und zum Bolzen auf die Plazoleta Herminia Brumana ging. Diesen Spielplatz an der Kreuzung der Membrillar und der Francisco Bilbao gibt es noch, aber Fußball kann hier niemand mehr spielen. Der Autoverkehr, der Buenos Aires im Würgegriff hat, hat hier das Kinderrefugium auf wenige umzäunte Quadratmeter mit Kleinkinder-Gerät zurückgedrängt. Auf einem Bänke-Rondell hocken die Mütter, zu ihren Füßen eine riesige Metallplakette mit der Inschrift: „Hier rannten Jorge M. Bergoglio und seine Freunde hinter dem Ball her. Es waren Nachmittage des Spiels, der Begegnungen und der Freundschaft.“

Ja, es hat sich viel verändert in dem Viertel. Am ehesten kommt man der Atmosphäre seiner Jugend noch in der Kirche San José nahe. Der ganze Triumph der katholischen Kirche bündelt sich in dieser neubarocken Kirche von 1883: Säulen mit Goldkapitellen, ein riesiger klassizistischer Hochaltar, eine Kuppel, die den Petersdom nachahmt, riesige Wandgemälde verherrlichen Josef, den Zimmermann; Maria und Jesus zeigen ihr Herz, Heilige, darunter neuere wie Mutter Theresa und Johannes Paul II., stehen huldvoll auf Podesten. Viele Besucher beten auf den Bänken, auch unter der Woche sitzt ein Priester im Beichtstuhl, alte Frauen knien vor ihm. Wer auf der Stelle die Kommunion möchte, muss nur eine Klingel drücken, das Anliegenbuch in einer Seitenkapelle ist voller Bitten, eine Wand ist voller Dankestäfelchen für erhörte Bitten, und an der Figur des Papstes Pius X. hängt ein Zettel: Die Gläubigen mögen doch nicht seine Hände berühren – die Finger drohen abzufallen.

San José wird noch mehr zum Wallfahrtsort werden, wegen Jorge Bergoglio. Zwei Gemälde zeigen ihn, am 19. März 2012 und 2013: als Kardinal von Buenos Aires in einer Prozession vor San José, als Papst in der Menge auf dem Petersplatz nach seiner Amtseinführung. Und dann ist da natürlich jener schicksalsschwere Beichtstuhl. Eine beleuchtete Stele weist auf die Wende im Leben des Jorge Bergoglio hin: „Der Lichtstrahl symbolisiert Gottes Eingreifen in sein Leben.“ Wolfgang Albers

© Schwäbische Post 16.08.2019 15:49
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