Ein Ehepaar versteckte die Heilige Schrift der Israeliten vor rund 80 Jahren

Heimatgeschichte Jüdische Prachtbibel war in einer Geheimkammer vor den Nazis versteckt worden – nach wundersamer Reise ist sie wieder zurück in Bopfingen.
  • Die Bopfinger Stadtarchivarin Johanna Fuchs mit der Bibel, die ihrer Ansicht nach im Jahre 1880 entstanden ist. Fotos: DI
  • Bis in die Details kunstvoll gestaltet ist die jüdische Bibel, die in Bopfingen gefunden wurde.
  • Ein schwerer Foliant mit dickem Ledereinband.

Bopfingen

Die unglaubliche Reise der jüdischen Prachtbibel aus Oberdorf. Jetzt kommt die „Heilige Schrift der Israeliten“ wieder dorthin, wo sie vor den Nazis versteckt worden war. Sie gehörte Ernestine und Eduard Leiter. Deportiert ins KZ Theresienstadt im August 1942. Beide ermordet im Vernichtungslager Treblinka, dessen Bau Massenmörder Heinrich Himmler als Reichsführer SS im April zuvor befohlen hatte. Das Amtsgericht Neresheim erklärte das Ehepaar auf den 29. September 1942 für tot.

Fast ein halbes Jahrhundert verging, bis die große, schwere Bibel wieder auftauchte. Bei Renovierungsarbeiten in einem Haus in der Ellwangerstraße in Bopfingen stießen die Besitzer 1990 auf dem Dachboden per Zufall auf eine doppelte Wand, die eine kleine Kammer verbarg. Darin versteckt: eine kleine Truhe mit Briefen, Schmuck, Geld – und der Prachtbibel mit zahlreichen Illustrationen von Gustav Doré.

Der junge Sohn der Bopfinger Familie nahm das Fundstück in seine Obhut, hielt die Bibel in Ehren und wollte sie selbst restaurieren lassen, kam aber nie dazu. Schließlich stellte er sie bei Ebay ins Internet; in der Hoffnung, dass sie in gute Hände kommt, die das Andenken bewahren helfen.

Ein Künstler aus Darmstadt wurde auf das ramponierte Buch aufmerksam, ersteigerte es 27 Jahre nach dem Zufallsfund für nur 65 Euro im April 2017. Doch auf dem Postweg verschwand es erneut, um dann nach fünf Wochen doch noch beim kenntnisreichen Käufer zu landen. Gerhard Roese heißt der Mann, der den geschichtsträchtigen Folianten sorgsam reparieren ließ – und ihn nun nach Bopfingen zurückgebracht hat.

Am kommenden Donnerstag wird in der ehemaligen Synagoge in Oberdorf die Schenkungsurkunde unterzeichnet. „Die Prachtbibel entstand um 1880“, erklärt Bopfingens Stadtarchivarin Johanna Fuchs, „sie hat einen hohen symbolischen und emotionalen Wert“. Die gedruckte Heilige Schrift wird in einer Glasvitrine ausgestellt - und erinnert an eine der vielen tragischen Familiengeschichten. „Glücklicherweise wurde sie nun dem Trägerverein Ehemalige Synagoge Oberdorf vermacht“, sagt die Archivarin.

Es war wieder ein Zufall, der aufklärte, wer die jüdischen Besitzer gewesen waren. In der Doré-Bibel steckte eine Postkarte. Ein Student fand sie nach dem Ebay-Kauf beim Durchblättern und Abfotografieren der Seiten. Familie Leiter hatte demnach 1935 geplant, ihr Familienerbstück wieder aufhübschen zu lassen.

Aber die passenden Einbanddeckel waren „schon seit vielen Jahren vergriffen“, teilte die Deutsche Verlagsanstalt mit Datum 26. April 1935 mit. Als Ruheständler war das Ehepaar 1931 von Stuttgart, wo die Leiters in der Katharinenstraße eine koschere Metzgerei betrieben hatten, nach Ulm-Söfingen gezogen. Dort arbeitete ihr Sohn Sally als Kaufmann. Zwangsweise mussten Ernestine und Eduard Leiter dann im September 1938 nach Oberdorf ziehen, woher Ernestine stammte. Dort mussten sie als Zwangsinternierte im Haus eines jüdischen Konditors mit sieben weiteren Familien auf engstem Raum auskommen.

Das Geld ging den Leiters aus, der schrittweisen, demütigenden Entrechtung folgte im Nazi-Terror noch die komplette Enteignung unmittelbar vor der Deportation. Am 22. August 1942 rollte dann der Todeszug mit weiteren 29 jüdischen Mitbürgern nach Theresienstadt. Ernestine Leiter war da 72, ihr Mann Eduard 77 Jahre alt. Ahnten sie ihr Schicksal? Oder hofften sie bis zuletzt, die Prachtbibel wiederzusehen, die ihr Schatz war? Sohn Sally konnte sich im Oktober 1939 noch nach Kriegsausbruch mit seiner Familie in die USA retten - und nannte sich fortan Charles. Er starb im Dezember 1979 im Alter von 86 Jahren in New York. Und während der ganzen Jahre lag die Familienbibel in der versteckten Truhe in der Geheimkammer auf dem Speicher in Oberdorf …

Nach fast 80 Jahren hat sie den Weg zurückgefunden an den Ipf. Sie hat Rassenwahn, Krieg und Holocaust überstanden. Geriet nie in falsche Hände. Ernestine und Eduard Leiter haben sie gerettet – und damit ein Mahnmal hinterlassen, dessen Geschichte laut erzählt werden muss …

© Schwäbische Post 17.08.2019 14:10
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