Frauenpower in Bayreuth

Historisch Bayreuth verbindet man mit den Festspielen. Dabei ist es eine Frauenstadt, maßgeblich geprägt von Wilhelmine von Preußen.
  • Foto: Bernadette Olderdissen

Der Bezirk Oberfranken hat eine Regierungspräsidentin, Bayreuth eine Oberbürgermeisterin, die Festspielleitung managt eine Frau, das Festival junger Künstler auch – es ist legitim zu behaupten, dass Bayreuth in Frauenhand ist. Das begann im 18. Jahrhundert mit Wilhelmine von Preußen, späterer Markgräfin. Ein guter Grund, sich die Freundinnen zu schnappen und an einem Wochenende nicht nur Wilhelmine kennenzulernen, sondern auch die Frau des Türmers und eine moderne Powerfrau, die Bayreuth in Schmuck verewigt.

Im prachtvollen Mittelalterkleid versucht sie, mit weißem Schirmchen ihr Haupt vor der Sonne zu schützen: Markgräfin Wilhelmine, repräsentiert von Stadtführerin Viktoria Ficht. 1709 wurde sie als älteste Tochter von Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. von Preußen und seiner aus dem Hause Hannover stammenden Gattin geboren. „Wilhelmines Mutter wollte sie unbedingt nach England verheiraten. Das Hannoveraner Haus hatte gute Aussichten auf den englischen Thron und Wilhelmine hätte Königin von England werden können.“ Aus Mamas Plänen wurde jedoch nichts, 1731 verheiratete man Wilhelmine mit Markgraf Friedrich von Bayreuth, es ging von Berlin in die Provinz. Ihrem Frust darüber verschaffte sie in ihren Memoiren Luft. „Wilhelmine sagte den Höflingen nach, Läuse und die Krätze zu haben, die Frauen waren Vogelscheuchen mit Schwalbennestern auf dem Kopf“, berichtet die Stadtführerin.

Ein prächtiges Geschenk

Am Ende flüchtete sie sich in Kreativität: „Sie musizierte, malte und schrieb.“ Am Neuen Schloss gesellt sich Wilhelmines Gatte dazu. Der Markgraf, Stadtführer Thomas Kees, zeigt Besuchern, was er seiner Liebsten 1735 zum Geburtstag schenkte: die Eremitage, eine Parkanlage mit Wasserspielen, Altem Schloss, Orangerie und innerer Grotte. „Die Markgrafen ließen sie mit über 200 Wasserdüsen einrichten und schauten zu, wie alle Gäste klatschnass wurden.“ Ein kleiner Scherz, der das Markgrafen-Dasein aufheiterte. Wilhelmine hatte Besseres zu tun – sie gab den Bau des 2012 zum Unesco-Welterbe anerkannten Opernhauses in Auftrag, das 1748 zur Hochzeit ihrer einzigen Tochter Friederike eingeweiht wurde. Im Inneren des Logentheaters schweben Arien aus Jahrhunderten in der Luft. Der erste Eindruck, die Säulen seien aus Marmor, täuscht gewaltig: Alles hier besteht aus Holz. Auch das Bühnenbild, das wie eine 3-D-Konstruktion wirkt, ist in Wirklichkeit Illusions- und Effektmalerei.

Die Geschichte der Türmerin

Weniger Glanz und Gloria gibt es beim Rundgang mit der Türmerin Christiane Münch in schwarzem Rock, grauer Weste und flachem Hut, die von 1867 bis 1942 lebte und heute von Sylvia Lauterbach gespielt wird. Christianes Ehemann, Türmer Johann, hielt vom Turm der Kirche Zur Heiligen Dreifaltigkeit – wo er in zwei Zimmern mit Frau und zwei Söhnen lebte – Ausschau, ob Feuer ausbrach, und schlug dann Alarm. „Allerdings reichte das Geld nicht, Johann musste zusätzlich Schuhe reparieren“, gesteht seine Frau, der nichts in der Stadt entging. „Wir haben ein Seil mit Brett am Turm befestigt, dann konnten die Leute die kaputten Schuhe draufstellen und Johann hat sie hochgezogen.“

Wilhelmine hätte Königin von England werden können.

Viktoria Ficht Stadtführerin

Die Türmerin deutet auf einen Brunnen vor der Kirche. „Das ist der Obeliskenbrunnen, aber bei uns hieß er Dünnbierbrunnen. Der Johann heuerte manchmal Buben an, die ihm Bier aus der Wirtschaft bringen sollten. Bis er merkte, dass das Bier komisch schmeckte.“ Das Ende der Geschichte ist zu erahnen: Die frechen Jungs tranken die Hälfte des Bieres selbst und füllten das Glas mit Brunnenwasser auf. Doch nicht nur der Obeliskenbrunnen braute damals „Bier“, auch jeder Bäcker hatte das Braurecht. Spezialist war Georg Bauer, dessen Brauerei Bauernwärtla auch heute noch steht.

152 Stufen später ist der Kirchturm erreicht. Immerhin bot sich ein Top-Panorama über Bayreuths rote Dächer und Häuser aus ockerfarbenem Sandstein. Wäre Jean Paul dabei, würde er wahrscheinlich einmal mehr seine Lobeshymne an die Stadt, wo er seinen Lebensabend verbrachte, aussprechen: „Du liebes Bayreuth, auf einem so schön gearbeiteten, so grün angestrichenen Präsentierteller von Gegend einem dargeboten – man sollte sich einbohren in dich, um nimmer heraus zu können.“

Der Bayreuth-Schmuck

Da, wo die Geschichten der Frauen vergangener Jahrhunderte enden, beginnen die der Frauen von heute – wie von Julia Förster-Oetter, die Bayreuth in ihrem Atelier in St. Georgen verarbeitet. Als Goldschmiedin hat sie das Element Glas für sich entdeckt und schmilzt Gold, Silber und Platin zu Perlen. Über die Jahre gewann sie mehrere Design-Preise, doch nicht nur das: Für alle, die Bayreuth bei sich tragen möchten, gibt es eine Wagnerschmuck-Kollektion – Silberringe mit Wahrzeichen Bayreuths. „Jedes Jahr zu den Festspielen entwerfe ich ein neues Stück“, erzählt sie.

In der Lohengrin-Therme bei der Eremitage kann man die Frauenbegegnungen noch einmal Revue passieren lassen. Frauen mit all ihren Stärken und Kämpfen und dem Willen, das Beste aus jeder Situation herauszuholen. Auf dass Bayreuth noch lange in Frauenhand bleibe!

© Schwäbische Post 30.08.2019 14:56
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