Ein oftmals unterschätzter Ort

Suhl Lieblich ist die Stadt im Süden Thüringens nicht unbedingt. Sie ist eher ein bisschen eigensinnig. Aber der Ort ist reizvoll, wenn man sich auf ihn einlässt.
  • Foto: Mauritius Images

Schwalbe, Spatz, Star, Sperber und Habicht - wer bei dieser Reihe an Vögel denkt, ist kein Fahrzeugliebhaber. Die denken bei diesen fünf nämlich erstens an Simson und zweitens an Suhl. 1856 wird der Waffen- und Fahrzeughersteller von den jüdischen Brüdern Lob und Moses Simson in Suhl gegründet.

Deutschlandweit bekannt wird das Werk allerdings erst zu DDR-Zeiten und unter wenig erfreulichen Vorzeichen: Zunächst wird in Suhl nämlich 1961 auf Befehl „von oben“ die Fertigung von Motorrädern eingestellt. Fachkräfte verlassen die Stadt und wechseln nach Sachsen ins Motorradwerk Zschopau. Drei Jahre des Tüftelns und Probens später verlässt 1964 die erste Schwalbe das Werk in Suhl. Die Kleinräder werden bald Kult und sind es bis heute. Mehr zu Simson und Suhl erzählt das Fahrzeugmuseum Suhl (geöffnet täglich 10 bis 18 Uhr, www.fahrzeug-museum-suhl.de)

Eine Wanderliebe

Die Suhler leben dort, wo andere gerne Urlaub machen: mittendrin im Thüringer Wald. Und sie wissen diese exponierte Lage auch zu schätzen. Karl Müller, ein Suhler Lehrer, dichtete ein Lied über die Liebe zu dieser Landschaft. Und Herbert Roth, ein Suhler Friseurmeister, machte es 1951 als Sänger zur inoffiziellen Hymne Thüringens. Gemeint ist natürlich das „Rennsteiglied“, das vom Weg auf den Höhen erzählt. Dort kann im Sommer trefflich gewandert, im Winter trefflich Ski gefahren und immer im Mai beim Rennsteiglauf auch trefflich gerannt werden. Von Suhl aus führt ein 300 Kilometer umfassendes Wanderwegenetz auf vielen Strecken hoch hinauf auf den Höhenwanderweg. Und bis ins Wintersport-Mekka Oberhof ist es auch nur ein Katzensprung
(www.rennsteig.de)

Ein Traum von Japan

Wer beim Namen „Suhl“ an Sushi denkt, liegt goldrichtig. Es war in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts, als der Suhler Koch und Gastronom Rolf Anschütz auf den Geschmack kam. Er kürzte die Tischbeine in seiner Gaststube, stellte Teilzeit-„Geishas“ ein und verwandelte seine Gaststätte namens Waffenschmied in ein Japanrestaurant. Über zwei Millionen Gäste kamen zu DDR-Zeiten nach Suhl, um zumindest einmal kulinarisch in die Ferne zu schweifen. Der auf Jahre im Voraus zu buchende Restaurant-Besuch war aber nicht nur wegen der Speisen ein Ereignis: Vor dem Essen nahmen alle Gäste gemeinsam – nackt! – ein reinigendes Ritualbad, bevor im Kimono gewandet gegessen wurde. Noch heute lässt sich Suhl auf den Spuren des Waffenschmieds erkunden, dessen Geschichte 2012 in dem Kinofilm „Sushi in Suhl“ mit Uwe Steimle erzählt wurde.

Ort der Ostmoderne

In Suhl und seinen Ortsteilen gibt es zwar auch noch würdige Gebäude aus vergangenen Jahrhunderten zu erkunden, wirklich spannend für Architekturliebhaber ist allerdings ein Besuch des Zentrums. Hier wurde in den 1960er Jahren das verwirklicht, was man „Ostmoderne“ nennt – eine idealtypische städtebauliche Modernisierung. Große Teile des historisch gewachsenen Stadtkerns wurden abgebrochen und dann sozialistisch umgestaltet, mit Kulturhaus, Stadthalle, Hochhäusern, Schnellstraße, Centrum Warenhaus und Verwaltungsgebäuden. Das Kaufhaus zählte zu den bemerkenswertesten Gebäuden der deutschen Nachkriegsarchitektur, mit auffälliger Fächertreppe aus Stahlbeton und einer Strukturfassade des Metallkünstlers Fritz Kühn. Viele dieser einmaligen Bauideen wurden nach 1990 getilgt; in Suhl kann man sie bis heute bewundern.

Vor dem Essen nahmen alle Gäste gemeinsam ein reinigendes Ritualbad.

Susann Winkel ?Autorin

Marionettentheater

Wer nicht achtgibt, der läuft schnell vorbei an der Tür zum „Türmchen“ im Congress Centrum. Was bedauerlich ist, denn hinter dieser Tür wartet eine echte Rarität: die Bühne des Suhler Marionetten-Theaters. 2006 gründeten Enthusiasten das ehrenamtlich geführte Theater, dessen Team aktuell aus sieben Puppenspielern, einem Techniker und verschiedenen Sprechern besteht. Die Marionetten stellt ein Kunstschnitzer eigens für das Theater her. Aufgeführt werden Märchen, die sich mehr oder minder an die Vorlage der Brüder Grimm halten, dazu Klassiker der Kinderliteratur und auch Stücke für Erwachsene.
(www.suhler-marionetten-
theater.de).

Waffenschmiede im Wald

„Suhl trifft!“ Das dürfen Gäste der Waffenstadt im Thüringer Wald doppeldeutig verstehen. 600 Jahre Waffenherstellung für Militär, Jäger und Sportschützen prägen die Entwicklung der Stadt bis heute. 48 Anlaufpunkte führt der thematische Innenstadtplan auf – noch produzierende oder ehemalige Stätten des Waffenhandwerks, Museen, Sehenswürdigkeiten und touristische Einrichtungen. In Suhl gibt es Deutschlands einzige Berufsschule für Büchsenmacher, das älteste Beschussamt des Landes, ein Schießsportzentrum, das auch Weltmeisterschaften ausrichtet, und natürlich ein Waffenmuseum. Das präsentiert auf 1 000 Quadratmetern rund 500 Waffen und zahlreiche ergänzende Exponate
(www.waffenmuseumsuhl.de).

Zauber der Musik

Klassische Musik finden sie in Suhl einfach zauberhaft – kein Wunder, hatte die Stadt doch über Jahrzehnte mit der Thüringen Philharmonie Suhl ein eigenes Sinfonieorchester. Das ist mittlerweile in der Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach aufgegangen. Die Liebe zur Klassik aber blieb. Ausgelebt wird sie bei zwei Konzertreihen mit Orchester-Gastspielen im Congress Centrum, die beide das Wort „Zauber“ im Titel tragen. Die Reihe „Musikzauber Suhl“ bietet unter anderem Musikabende zu Weihnachten und Silvester. Unter dem Motto „Zauber der Musik“ stehen die Nachmittagskonzerte, die das MDR-Sinfonieorchester in großer Besetzung an vier Samstagen über das Jahr verteilt in Suhl spielt (www.suhl-ccs.de).

© Schwäbische Post 13.09.2019 15:00
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