Gleiche Wurzeln, zwei Leben

Vaterlos, schwarz, aus der DDR: Jackie Thomaes Roman „Brüder“ steht auf der Shortlist des Buchpreises.
  • Brüder. Hanser Berlin, 416 Seiten, 23 Euro. Jackie Thomae: Foto: Cover
Dies ist die Geschichte der Halbbrüder Mick und Gabriel, die nichts voneinander wissen und den gemeinsamen Vater nicht kennen. Sie haben zwar die gleiche Hautfarbe, sind aber wie Feuer und Wasser und bewegen sich in gegensätzlichen Welten. Dabei starten beide von einem ähnlichen Punkt aus.

Ihr senegalesischer Vater verschwindet früh aus ihrem Leben und lässt sie mit ihren jugendlichen Müttern in der DDR zurück. Beide fallen auf: Mick und Gabriel sind die Schwarzen in einer homogen weißen Gesellschaft.

Nach der Wende katapultiert das Leben die Halbbrüder in unterschiedliche Richtungen. Sonnyboy Mick lässt sich im Berlin der 90er Jahre als ambitionsloser Freak zwischen Clubs, Bars und One-Night-Stands dahintreiben, während der ehrgeizige, arbeitswütige Gabriel in London zum weltweit gefragten Stararchitekten avanciert.

„Brüder“ von Jackie Thomae (Jahrgang 1972) stellt die Frage nach der Identität und passt damit anscheinend perfekt zu aktuellen Diskussionen, in denen es um Herkunft, kulturelle Prägung und Rassismus geht. Doch der Roman, der auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis nominiert ist, ist bei genauerem Hinsehen kein politischer Roman, wenngleich politische Themen mitschwingen. In erster Linie ist es ein Familien- und Entwicklungsroman mit einem präzisen Gesellschaftsporträt der brodelnden Berliner Nachwendezeit.

Leichtfüßig plaudernd im Ton

Thomae hat hier persönliche Erfahrungen mit einfließen lassen. Sie selbst ist etwa so alt wie die fiktionalen Brüder und wuchs in Leipzig als Tochter einer Deutschen und eines Guineers auf, der die Familie bald verließ. Später lebte sie in der Kunst- und Partyszene Berlins, in der die Hautfarbe, wie sie in einem Interview bemerkte, keinerlei Rolle spielte. Ähnlich wie der Erzeuger der Brüder im Roman meldete sich Thomaes Vater nach jahrzehntelangem Schweigen plötzlich bei ihr.

Die Themen Rassismus und Diskriminierung werden von Thomae eher beiläufig mitgeliefert, fast leichtfüßig plaudernd im Ton wie der ganze Roman. Diese Unaufdringlichkeit und fehlende Penetranz ist von Vorteil. Die Autorin ist eine stilsichere und unterhaltsame Erzählerin und stark in der Personenzeichnung, allerdings an vielen Stellen leider auch ausufernd und repetitiv. dpa
© Südwest Presse 09.10.2019 07:45
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