„Die wichtigste Nebensache“

Ein Gitarristengott als Teamplayer: Steve Morse veröffentlicht ein neues Album mit der Supergruppe Flying Colors.
  • Die Band Flying Colors: Neal Morse, Steve Morse, Casey McPherson, Mike Portnoy und Dave LaRue (von links nach rechts). Foto: Jim Arbogast
Steve Morse ist nicht nur der Gitarrist von Deep Purple, er hat nun auch mit der Supergroup Flying Colors bereits das dritte Album veröffentlicht: „Third Degree“. Ein Gespräch über einen Teilzeitjob mit hohem Stellenwert.

Was macht die besondere Chemie der Band Flying Colors aus?

Steve Morse: Bereits bei den ersten Songwriting-Sessions flogen die Ideen nur so durch den Raum und ich dachte oft: Ach, wäre ich da nur draufgekommen. Ich muss ja immer darauf achten, dass Mike oder Neal Riffs schreiben, die so schnell sind, dass ich sie auch noch spielen kann (lacht). Wir lachen sehr viel bei den Sessions, werfen uns die Bälle gegenseitig zu. Das ist bei Deep Purple übrigens nicht anders.

Aber die Flying Colors sind und bleiben ein Neben-Projekt.

Sozusagen die wichtigste Nebensache. Teilzeitarbeit mit einem extrem hohen Stellenwert für uns alle. Aber es ist wirklich sehr schwer, gemeinsame Zeiten für Sessions und Tourneen zu finden. Wir sind zeitlich alle sehr eingespannt. Nächstes Jahr ist live hoffentlich mehr möglich.

Das Spektrum der Colors ist breiter geworden. Neben Prog-Rock sind da auch Fusion-Elemente, reichlich Pop, fast Beatles-Harmonie. Macht genau das die Band aus?

Ja, ich liebe das, denn ich selbst bin auch so groß geworden. Ich habe immer unterschiedlichste Musikstile gehört und gespielt. Vielleicht lässt sich die Musik schwerer verkaufen, da sie nicht nur in einer Schublade steckt. Musikfans werden aber viel Spaß beim Hören haben, da unser neues Album so abwechslungsreich ist.

Ihre eigene Band The Dregs ist legendär, Bands wie Kansas und Deep Purple haben Sie mit ihrer Handschrift deutlich besser gemacht. Verstehen Sie sich als Teamplayer?

Ich vergleiche das immer mit einem Fußball-Team. Jeder ist wichtig und hat seinen Part. Der Torjäger kann nicht glänzen, wenn da nicht auch erstklassige Abwehrspieler sind. Die unterschiedlichen Typen machen einfach eine Band aus. Aber keine Bange, wenn der Mix nicht passt oder die Stimme zu laut wird, dann melde ich mich schon zu Wort.

Ein wichtiger Faktor der Flying Colors ist der ausgefeilte Gesang. Wie kam Casey McPherson als Sänger in diese illustre Band-Runde?

Ich muss zugeben, dass wir anderen eigentlich ganz andere Sänger auf dem Zettel hatten, als Mike ihn ins Spiel brachte. Wir kannten ihn gar nicht. Aber ich dachte, man muss sich einfach darauf einlassen. Bei Deep Purple dachte ich am Anfang auch: Entweder es funktioniert richtig gut oder ich gehe wieder. Casey machte von Beginn an jeden Song einfach besser – als Sänger genauso wie mit seinen Ideen.

Apropos Songideen. Es fällt positiv auf, dass als Songwriter immer alle Bandmitglieder aufgeführt sind.

Ich habe von Beginn an die Losung ausgegeben, dass keine fertigen Songs zu den Sessions mitgebracht werden, sondern nur Ideen. Sonst hätten die Colors nur wie ein Mix verschiedener Solostücke der einzelnen Musiker geklungen. Das wollte ich unbedingt vermeiden. Manchmal ist das bei unseren Sessions so, als würde man eine Schachtel mit Donuts in einer Schulmensa abstellen. Da sind schnell nur noch ein paar Krümel da. Die Schachtel mit den Ideen wird so schnell aufgerissen, so schnell kann man gar nicht schauen. Jeder nimmt sich etwas, arbeitet damit, und das Ergebnis ist einfach großartig.

Sie gehören zu den Gitarristen, die man aus Hunderttausenden heraushört. Ist dieser spezielle Sound manchmal auch ein Fluch?

Ich sitze ja nicht da und denke, jetzt muss ich wieder wie Steve Morse klingen, sondern im Ergebnis bin ich es einfach und versuche an einer bestimmten Stelle das Beste zu geben und für einen Song die ideale Melodie zu finden. Mein Ziel ist allerdings immer, dass ich die Gitarre zum Singen bringe. Ich bin kein Sänger, also muss mein Instrument diesen Part übernehmen.

Wundern Sie sich darüber, wie technisch brillant heutzutage junge Musiker bereits sehr früh spielen?

Das ist manchmal geradezu unheimlich, aber sie haben natürlich auch alle Möglichkeiten. Du kannst dir heute auf Youtube alle Tabs anschauen, alles im Detail sehen und unheimlich viel lernen. Wir hatten damals ja noch nicht einmal Stereo, haben uns Songs vom Plattenspieler abgehört und den Plattenteller mit 33 Umdrehungen statt 45 laufen lassen, um mit dem Tempo klarzukommen. Entscheidend sind am Ende aber nicht die Virtuosität und Geschwindigkeit, sondern wie viel Gefühl und Seele in deinem Gitarrenspiel stecken.

Spielen Sie auch heute noch 200 Konzerte im Jahr?

Die Musiker bei Deep Purple sind ja nun doch schon etwas älter geworden, da legen wir bei Tourneen deutlich mehr Pausen ein. Wenn ich zurückdenke: Mit den Dregs spielten wir früher 40 Konzerte in 40 Tagen, in etlichen Clubs häufig auch zwei Konzerte an einem Abend. Das würde ich heute nicht mehr packen.
© Südwest Presse 09.10.2019 07:45
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