Interview

„Nicht nur mehr Geld“

  • Roman Zitzelsberger, IG-Metall-Chef in Baden-Württemberg. Foto: picture alliance/dpa
Standortschließungen und Personalabbau in einigen großen Betrieben erschweren die anstehende Tarifrunde, sagt Roman Zitzelsberger, Chef des IG-Metall-Bezirks Baden-Württemberg.

Der Metall-Tarifvertrag läuft Ende März 2020 aus. Gibt es wegen des Abschwungs nichts zu verteilen?

Roman Zitzelsberger: Das kann ich mir nicht vorstellen. Schon wegen der Inflation müssen wir über eine Entgeltsteigerung reden. Wir wollen nicht, dass die Realeinkommen sinken. Zudem ist die Binnennachfrage angesichts der derzeitigen Lage das Einzige, das für eine positive Wirtschaftsentwicklung sorgt. Momentan fahren wir auf Sicht. Daher werden wir uns sehr spät ab Januar auf die Tarifrunde konzentrieren. Vermutlich fordern wir nicht nur mehr Geld, sondern auch qualitative Verbesserungen, beispielsweise zur Beschäftigungssicherung oder zur Altersversorgung.

Ist die Lage in Baden-Württemberg besonders schwierig?

Momentan überlagert die Stimmung, dass einige Akteure wegen struktureller Probleme vorpreschen. Mahle und Continental beispielsweise haben angekündigt, Standorte zu schließen oder Personal abzubauen. Nach unserer Betriebsrätebefragung sind zehn Prozent der Betriebe in Kurzarbeit oder nahe dran. 15 Prozent wollen sich in den nächsten Monaten damit beschäftigen.

Wie könnte eine Beschäftigungssicherung per Tarifvertrag aussehen?

Wir haben heute schon eine Reihe von Vereinbarungen. Bei Kurzarbeit gibt es Aufzahlungen. Arbeitszeit kann bei gleichzeitiger Entgeltreduzierung um bis zu zehn Prozent gesenkt werden. Dauert eine Delle länger, ist tarifliche Kurzarbeit möglich. Dann kann durch Umlegen von Sonderzahlungen und Absenken des Arbeitsvolumens die Beschäftigung gesichert werden. Das Prinzip ist immer das Gleiche: Wir behalten die Belegschaft an Bord und verteilen die Arbeit um. Daran kann man weiterarbeiten, etwa durch umfangreichere Weiterbildung.

Ist der Flächentarifvertrag in Gefahr, weil er kleinere Unternehmen überfordert?

Nein. Er wird derzeit schlechtgeredet. Ich verstehe nicht, welche Panik die Arbeitgeber machen. Der Tarifvertrag als Ganzes ist sicher komplex. Das kommt daher, dass wir beispielsweise bei der Arbeitszeit versuchen, den Anforderungen von Unternehmen unterschiedlicher Größe Rechnung zu tragen. Betriebsrat und Geschäftsführung können sich die aus ihrer Sicht sinnvollste Regelung heraussuchen. Dieter Keller
© Südwest Presse 09.10.2019 07:45
142 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.