Leserbeitrag von Petra Hachenburger

Was kommt nach "total happy"? (Zum Artikel am 6.11.19)

 

Der Glücksatlas 2019 bescheinigt uns Deutschen eine nie da gewesene Zufriedenheit und „paradiesische Zustände“ – diese Nachricht soll uns schmeicheln, erfreuen und uns, bitteschön, auch in den nächsten Jahren auf der „Befindlichkeitskurve“ nach oben treiben, so dass wir irgendwann sogar an die Euphorie der Dänen heranreichen. Ehrlich gesagt: Wenn ich Umfrageergebnisse wie diese lese, schaudere ich ein wenig. Was kommt nach „total happy“? Sind wir - wie durch die Etymologie des Wortes „total“ suggeriert - nicht schon jetzt vollkommen, ganz und gar, total, ausnahmslos … glücklich und zufrieden? Wenn die Kurve tatsächlich immer weiter nach oben geht, wird es einiger Neologismen bedürfen, um unsere Glücksgefühle in ein paar Jahren überhaupt noch adäquat beschreiben zu können.
Die „spätrömische Dekadenz“ wurde als Analogie zu den Entwicklungen in der Jetzt-Zeit schon häufig bemüht – und trotzdem kam auch mir dieser Begriff instantan in den Sinn, als ich von unserem augenscheinlichen (und unbestritten vorhandenen!) Wohlbefinden erfuhr. Sollten wir nicht viel aufmerksamer und achtsamer sein auf unserer Autobahn der Endorphine, viel dankbarer für diese Zufriedenheit – anstatt den Glückslevel immer weiter nach oben pushen zu wollen und damit unweigerlich Gefahr zu laufen, irgendwann von Übersättigung und Trägheit überwältigt zu werden und damit den Wendepunkt der Kurve zu provozieren? Statt uns hingebungsvoll um unsere Work-Life-Balance zu sorgen, um Käsequalitätsprüfungen und E-Scooter-Tempolimits, sollten wir innehalten und bewusster wahrnehmen, wie es um die wirklich wichtigen Themen, um unsere klimasozialbildungdigitalisierungglobalisierungsemobilitätseuropapolitische Lage bestellt ist. Blindheit statt Zufriedenheit?!
Dass Luxus- und Glücksempfinden genau wie stetiger Aufschwung eben nicht gegen unendlich weitergehen können und ein Abstieg („Dekadenz!“) oder gar eine Degeneration welcher Art auch immer unweigerlich folgen müssen – dieser Gedanke drängt sich mir bei Artikeln wie diesem gelegentlich auf, obwohl er ganz bestimmt gerade die gegenteilige Intention verfolgt. Ja, das ist der berühmte moralische Zeigefinger. Aber man kann diesen auch erheben, ohne gleich als deutscher Michel und Miesepeter zu gelten. Solange uns nur die Diskussion um Parkgebühren von unserer Zufriedenheit ablenkt, können wir total happy sein – womit wir wieder beim Thema wären.

© Petra Hachenburger 07.11.2019 07:55
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Kommentare

Saitenschuft

Ein sehr guter Beitrag, sehr geehrte Frau Hachenburger,

mich persönlich stört schon "happy". Nicht das ich was gegen Anglizismen habe, verwende ich selber. Aber da es nicht aus der "Muttersprache" kommt hat es weniger Nähe zum wirklichen Empfinden wie z. B. "glücklich". Hier kann man das Wort nämlich deutlich besser sezieren. Glück hat man, Glück kommt von außen und wird an uns herangetragen. Ist also kein innerer Zustand.

"Zufrieden" wäre da schon anders, klingt aber nicht so hip und schreiend wie "happy". Aber das wäre ein erstrebenswerter zustand: Frieden mit sich und der Welt zu haben! Und die Überhöhung mit total - was in dem Kontext ohnehin "totaler" Blödsinn ist, wie Sie das auch schreiben - wird dadurch unnötig und sinnfrei.

Wenn ich Frieden habe, dann bin ich im Lot, Glück und Unglück, Schlecht und Gut, Freude und Ärger sind im ausgewogenen Verhältnis, nichts ist überhöht und wartet darauf abzustürzen.

Die Welt ist dual und ist im Frieden wenn These und Antithese in der Synthese sind. Also wünsche ich meinen Mitmenchen "Zufriedenheit" obwohl das überhaupt nicht so "total nice und crazy" klingt sondern eher abgedroschen, halt "Oldschool" :-)