Lesermeinung

Zum Bericht „Über Rommel heiß diskutiert“ vom 8. November:

In der SchwäPo wird mir folgender Satz als wörtliches Zitat in den Mund gelegt: „Wenn Rommel kein Kriegsverbrecher gewesen sein soll, wer dann überhaupt.“ Diese Formulierung muss ich zurückweisen. Sie ist in der Verkürzung meines Redebeitrags leider auch irreführend. Denn der Satz erweckt den Eindruck, ich würde Rommel zu einem der größten Kriegsverbrecher überhaupt erklären. Das aber wäre vollkommen unseriös, und solches zu behaupten, fiele mir im Traum nicht ein.

Das Missverständnis besteht darin, dass hier zwei Argumente ununterscheidbar ineinander gerutscht sind. Ich hatte zum einen Dr. Liebs Ansatz kritisiert, den Begriff „Kriegsverbrecher“ ausschließlich „im juristischen Sinne“ zu definieren und auf das krasse Missverhältnis zwischen millionenfachen Verbrechen und beschämend wenigen nach dem Krieg rechtskräftig verurteilten Tätern hingewiesen. Darauf bezog sich meine grundsätzliche, keineswegs speziell auf Rommel gemünzte Frage, wer nach dieser Definition denn dann überhaupt noch als Kriegsverbrecher übrig bliebe?

Und zum anderen hatte ich die Frage nach Kriegsverbrechen unter Rommels Oberkommando in Norditalien gestellt. Denn nachweisbar ist, und dies gehört keineswegs in die Sphäre von „Meinungen“: Auch dort kam es im Herbst 1943 praktisch täglich zu Kriegsverbrechen.

Die von der Deutsch-Italienischen Historikerkommission erarbeitete Datenbank „Atlante delle Stragi“ listet für die gut zwei Monate von Mitte September bis Mitte November 1943 mehr als 70 Vorkommnisse mit über 200 ermordeten Zivilisten in Rommels Verantwortungsbereich auf. Am 25. 10. 1943 sah sich Rommel gezwungen, in harschem Ton gegen die exzessiven Plünderungen von Wehrmachtsangehörigen in „italienischen Vorratslagern, öffentlichen Geschäften und Privathäusern“ einzuschreiten. Gegen das tägliche Morden hat er hingegen nach heutigem Kenntnisstand nichts unternommen. Dies war mitnichten ein „sauberer Krieg“ und man kann Rommel von der Verantwortung für diese Kriegsverbrechen nicht freisprechen.

Dr. Lieb hat die Kriegsverbrechen in Norditalien unter Rommel nicht in Abrede gestellt, wohl aber als Marginalie abgetan und Rommels Krieg dort für „relativ unblutig“ erklärt. Gewiss: Zu den monströsen Massakern wie dem von Marzabotto Ende September 1944 mit 770 Ermordeten, fast ausschließlich Alten, Frauen und 213 Kindern unter 13 Jahren, kommt es erst später, näher an der Front und unter Kesselrings Kommando. Dagegen verblassen die Ereignisse unter Rommels Oberbefehl in der Tat. Aber wollen und dürfen wir uns diese Monstrosität als Maßstab zu eigen machen?

© Schwäbische Post 10.11.2019 20:15
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Kommentare

Frieder Kohler

"Dagegen verblassen die Ereignisse unter Rommels Oberbefehl in der Tat. Aber wollen und dürfen wir uns diese Monstrosität als Maßstab zu eigen machen?" NEIN , das dürfen wir nicht, auch die "lieben" Historiker nicht. Bei El Alamein erlebte Rommel sein Waterloo ( https://www.welt.de/kultur/history/article110383335/l ) - sein Glauben an den Führer war erstmals (?) erschüttert. Doch sein Führer Adolf Hitler hat ihn "ausfliegen" lassen - die Westfront benötigt die (durch die NS-Propaganda aufgebaute Mythos) Wunderwaffe Rommel.... Lesen Sie selbst, wer nach 1945 das Märchen von der "sauberen Wehrmacht" in Umlauf brachte und höchste Stabs- und Führungspositionen (nach Kaiser, Reichswehr, Hitler) bei der Bundeswehr besetzen konnte! Also: Nie wieder Krieg oder Auslandseinsätz