Odyssee im Zwischenraum

Drei Uraufführungen, drei Auftragswerke, drei Nachwuchshoffnungen: Der Tanz-Abend „Creations I-III“ im Schauspielhaus ist besonders in der Mitte stark.
  • Der Choreograf Fabio Adorisio schlägt mit seinem Beitrag „Calma apparente“ den Bogen zur Klimakatastrophe: Die Decken im Hintergrund sinken wie schmelzende Gletscher in sich zusammen. Foto: Stuttgarter Ballett
Das Lieblingswort von Tanzschaffenden und Modeschöpfern lautet: „kreieren“. Da schwingt bereits die ganze Kreativität mit, dieser göttergleiche Gestaltungswille: und siehe, es war gut! Kein Schauspiel- oder Opernregisseur kreiert Inszenierungen – nur die Kollegen vom Ballett, heiliger John Cranko, die tun‘s andauernd.

Zum späten Premierenauftakt in der Paradedisziplin der Stuttgarter Staatstheater stellen gleich drei Nachwuchshoffnungen einen immensen Schaffens- und Schöpferdrang auf die Bühne des Schauspielhauses. Folgerichtig ist der Abend mit „Creations I-III“ überschrieben. Die Fortsetzung IV-VI folgt im kommenden Februar – dann mit einer Arbeit von Gottvater Martin Schläpfer. Von diesem zu erwartenden Kaliber sind die Choreografien von Roman Novitzky, Andreas Heise und Fabio Adorisio vielleicht nicht. Doch sie zeigen, dass man am Stuttgarter Ballett auch weiterhin ein Händchen und gutes Auge für reifende Talente hat.

Novitzky und Adorisio gehörten bereits zu den „Fantastischen Fünf“, die dem langjährigen Intendanten Reid Anderson vor bald zwei Jahren den Abschied auch choreografisch versüßten. Gemessen an den damaligen Fingerübungen haben sich beide weiterentwickelt. Fabio Adorisio schafft es mit seinem Beitrag „Calma apparente“ sogar, den Bogen zur Klimakatastrophe zu schlagen. Und wenn man will, kann man in Thomas Mikas imposantem Bühnenbild, in dem aufgetürmte Tuchdecken wie schmelzende Gletscherfronten in sich zusammensinken, den Bezug zur bedrohten Schöpfung wiederfinden.

Davor entfaltet „Calma apparente“ (übersetzt: „scheinbar ruhig“) den suggestiven Sog von originellen Drehungen, Wendungen und Bewegungsabläufen, denen bei Adorisio allerdings etwas Exaltiertes anhaftet. Anders sein Tänzerkollege Roman Novitzky. Auch er stellt seine Kreation „Impuls“ in ein imponierendes Bühnenbild, in dem Scheinwerferbalken schweben und ein wandernder Lichtkreis den Trommelsolisten Marc Strobel umschließt. Novitzkys Tanzvokabular ist hingegen kontrollierter, synchronisierter, untergeordneter – das hat man als Versatzstücke alles schon mal gesehen, bloß in anderen Zusammenhängen.

Trotzdem ergibt sich, ausgehend von dem Takt, den der Rhythmusgeber an der großen Rahmentrommel vorgibt, eine energiegeladene Tanz-Battle, anspruchsvoll und fordernd fürs gewohnt fitte Ensemble. Beide, Novitzky wie Adorisio, sind ja bewährter Teil der Compagnie, weshalb man besonders gespannt auf den Dritten im Bunde war, den Gastchoreografen Andreas Heise. Heise hat in Leipzig und am Norwegischen Nationalballett getanzt, bevor er sich jetzt als Choreograf (auch in Operninszenierungen) einen Namen macht.

Seine Stuttgarter Arbeit „Lamento“ nimmt die halbstündige Dekonstruktion einer dreiminütigen Monteverdi-Arie zur Grundlage, die sattsam bekannte Geschichte von Kriegsheld Odysseus und der sehnsüchtig auf ihn wartenden Gattin Penelope auf mindestens drei Zeitebenen neu anzureißen. Das führt zu überschneidenden Paar- und Gruppenbildungen zwischen den sieben Akteurinnen und Akteuren, wobei Heise eine ganz eigene intensive, verinnerlichende Tanzsprache entwickelt. Drei Farben Rot setzen in entsprechenden Seelenlagen ihre abstufenden Akzente, und das Resultat ist die letztlich farbigste, aufregendste und, wenn man so will, auch „schöpferischste“ Choreografie unter den dreien. Egal, ob nun „kreiert“ oder einfach nur kreativ ersonnen und erarbeitet.
© Südwest Presse 02.12.2019 07:45
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