Die Rechnung geht nicht auf

Zum Leserbrief von Dietmar Schürle, erschienen in der GT am 28. Dezember:

Ja das wäre einfach, wenn durch diese acht Fragen die Welt geregelt werden könnte. Aber es gibt nicht nur acht Energieverbraucher, das schreiben Sie ja auch. Beinahe alles, was wir heute tun benötigt künstliche Energiequellen, z. B. Elektrogeräte. Es gibt nicht nur Fernseher, da wären noch Wäschetrockner, Waschmaschine, Spülmaschine, Nähmaschine, Beamer, um nur die gängigsten zu nennen, bis hin zu Licht und Heizung. Spätestens auf die Heizung, können wir in unseren Breitengraden nicht verzichten, denn so warm sind unsere Winter noch nicht. Kein Mensch, ob er nun Rad fährt oder Auto, wird dies leugnen. So einfach ist es nunmal nicht.

Trotzdem dürfte klar sein, dass wir nicht mehr weitermachen können wie bisher. Jeden Tag gibt es neue Hiobsbotschaften: tausendfaches Aussterben von Pflanzen und Tieren, Flächenbrände rund um den Globus, tauender Permafrost, der die darauf gebauten Häuser einstürzen lässt, im Meer verschwindendes Land, Trockenheit, Überschwemmungen, Unwetter, und wir diskutieren hier, ob wir Fahrräder mit Komponenten aus China fahren dürfen. Ständig hört man aus unterschiedlichen Richtungen, dass der Klimawandel schneller voranschreitet als berechnet. Wie lange dauert es wohl, bis die Zahl derer, die ihren Lebensraum verlieren so groß ist, dass die Invasion nicht mehr durch Mauern aufzuhalten ist? Vielleicht ist es dann nicht mehr nötig, in Gmünd für Radwege zu demonstrieren. Ich bin in den letzten 2,5 Jahrzehnten einmal geflogen, wenn jemand, der öfter fliegt, einen Tipp hat, wie ich auf einem anderen Gebiet mehr Energie sparen kann, dann werde ich mir das anhören und über die Umsetzung nachdenken ohne zu fordern, dass mein Gegenüber erst mal mit Fliegen aufhören muss. Was ist das für eine seltsame Rechnung, dass jemand, der z. B. ein Handy hat, nicht gegen die Klimaerwärmung sein kann? Das wäre dann in etwa so, wie die Forderung: Ein Arzt, der Grippe hat darf nicht mehr Arzt sein, oder ein Psychiater, der ein Bier trinkt, darf keine Alkoholiker therapieren. Diese Rechnungen gehen nicht auf und bringen uns nicht weiter. Wir haben uns an viele Dinge gewöhnt, und Verzicht auf Energie bedeutet oft auch Verzicht auf Bequemlichkeit. Das Prinzip: „Wasch mich, aber mach mich nicht nass“ funktioniert nicht. Übrigens, wenn sich eine Gruppe Menschen trifft, um für ein gemeinsames Anliegen angemeldet und genehmigt zu demonstrieren, dann ist das ein Mittel unserer Demokratie. Schon vergessen? Die Autofahrer haben die gleichen Rechte. Aber deren Versammlung und die daraus resultierenden Staus kennen wir zur Genüge. Dies übrigens sehr erfolgreich – umso mehr sie sich versammeln, umso mehr Platz und Straßen bekommen sie, da bleibt für andere oft nicht mehr viel Platz übrig.

© Schwäbische Post 02.01.2020 20:59
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