Kanada – Über dem Friedhof der Meere

Der Wanderpfad an der Ostküste der neufundländischen Halbinsel Avalon wird 25 Jahre alt.
  • Auch The Beamer bei Flatrock ist ein Schichtkuchen aus Stein, vor Jahrmillionen gebacken. Foto: Franz Lerchenmüller

Was für ein Rastplatz, hoch oben über dem Meer! Tief unten in Gallows Cove jagen dicht unter der Wasseroberfläche zwei Robben und die Fische spritzen auf der Flucht vor ihnen silbern wie ein Strahlenkranz aus dem Wasser.

Weiter draußen pflügen vier, fünf Wale das tiefe Blau, schmale schwarze Scheiben, die prustend auf- und abtauchen wie gelassen grasende Kühe. Über allem thront ein Weißkopfseeadler auf einer abgestorbenen Tanne, putzt sein Gefieder und überwacht misstrauisch sein Revier. Es ist, als hätte sich Neufundlands Natur verabredet, sich heute von ihrer besten Seite zu zeigen. Dabei gab es doch gestern erst die 250 000 Papageientaucher der Vogelinseln von Witless Bay zu bestaunen, von denen sich viele mit Fisch so vollgefressen hatten, dass sie nicht mehr aus dem Wasser abheben konnten.

Das Moor als Schmiere

Sea Arch liegt sogar erst ein paar Minuten zurück, der bisherige Höhepunkt dieses Tages, jener Felsbogen im Meer, der so ausladend ist, dass schon mancher Wanderer auf ihm picknickte und erst beim Abgang zur anderen Seite feststellte, auf welch majestätischem Thron er sein Käsesandwich verzehrt hatte. Das Meer, die Tiere, der Fels – jetzt zeigt sich der East Coast Trail von seiner schönsten Seite. Spätestens da waren die etwas gleichförmigen zehn Kilometer Anmarsch abgehakt, das stete Auf und Ab zwischen spillerigen Baumskeletten, Heidekraut und Felsen mit gelben Flechten. Und man lachte über die schweren Gravy Boots, die Wanderstiefel mit Soße, die immer wieder schmatzend im tiefen Morast eingesunken waren und das Moor als Schmiere mitschleppten.

25 Jahre alt wird der East Coast Trail, der Wanderpfad an der Ostküste der neufundländischen Halbinsel Avalon. Entlang der Abbruchkante, wo sich Atlantik und Amerikas östlichster Vorposten begegnen, erstreckt er sich 336 Kilometer von Cappahayden im Süden die Küste hoch bis Cape Francis im Norden und auf der anderen Seite ein Stück zurück. Als Anfang der 1990er Jahre die kanadische Regierung den weiteren Fang von Kabeljau verbot, weil die See leer gefischt war, verloren über Nacht 30 000 Fischer und Arbeiterinnen in den Fabriken ihren Job. In dieser Zeit begann ein Häuflein wanderbegeisterter Enthusiasten, alte Küstenpfade freizulegen. Vielleicht, meinten sie, könnte Wander- und Outdoortourismus künftig ein paar Menschen ein Einkommen geben.

Aus einem Hilfsprogramm der Regierung erhielt die Gruppe Geld und konnte die ersten Arbeitslosen den Sommer über anstellen. Inzwischen wurden rund 14 Millionen Kanadische Dollar, etwa 10,5 Millionen Euro, investiert. Wie eine Klammer verbindet der Weg ganz unterschiedliche Landschaften.

Die Welt der
Geisterwälder

Im Provinzpark Chance Cove etwa führt er am Rand der südlichsten Tundra der Welt durch Geisterwälder. Da greifen die Spinnenfinger von Wurzelstöcken nach den Wanderern, gesplitterte Stämme türmen sich übereinander, als hätten Riesenkinder ihr angefangenes Mikadospiel einfach liegen gelassen. In Flatrock schießt der Big River schäumend braun wie frisch gebrühter Kaffee über mehrere Fälle tosend ins Meer. Am Spout Path gurgelt das Wasser durch schmale Felsentore und der Spout, ein von den Gezeiten gespeister Geysir, spuckt an guten Tagen seinen Strahl 20 Meter weit in die Höhe. In La Manche schließlich haben sie sogar eine 50 Meter lange Hängebrücke über die Schlucht gezimmert. Ganz so wie damals, vor 1966, ehe die „Big Sea“ über die Felsen schlug und die gewaltige Sturmflut die wenigen Häuser des Dörfleins samt ihren Gärten ins Meer spülte.

Am letzten Tage geht es, begleitet von der Ewigkeitsmusik des Meeres, von Cape Francis nach Pouch Cove. Die Eisberge, die im Frühling von der Iceberg-Alley vor Labrador herunterziehen, sind bereits geschmolzen. Von Pigeon Island lärmen Heringsmöwen herüber, manchmal steigert sich das Geschrei zur Kakofonie. Man stapft zwischen verfallenden Birken und dichtem Farn dahin, balanciert auf Steinen über Bäche, macht einen letzten Schritt ins Freie – und findet sich auf einem steinernen Balkon ohne jede Absperrung luftig vorgeschoben über dem Abgrund: 100 Meter tiefer donnert das Meer gegen die Granitwand. Tiefe, enge Schluchten scheinen wie mit dem Messer hineingeschnitten, scharfe Klippen im Wasser bilden tödliche Fallen für Skipper, die vom Kurs abkommen.

Das Drama der
„Water Witch“

Der „Friedhof der Meere“, Neufundlands Ostküste, birgt die Wracks Hunderter Schiffe, die zerschellt sind. Hier, direkt unter den Füßen, in Horrid Gulch, war die „Water Witch“ im Jahr 1875 im Novemberschneesturm aufgelaufen. Einige Menschen hatten sich auf einen Felsrücken im Meer retten können, aus Pouch Cove eilten Helfer herbei. Alfred Moores, einer von ihnen, wurde 80 Meter abgeseilt – was selbst heute, bei ruhiger See, gewaltigen Mut erfordert. Zweimal wurde er hin- und hergeschwungen, dann fasste er Fuß bei den Schiffbrüchigen. Er knüpfte einen nach dem andern ans Tau, elf Menschen konnten nach und nach hochgezogen werden.

Abends lädt der Heimatverein von Pouch Cove in den Kirchensaal ein. „Share memories“ heißt es: Erzählt von früher! Über 80-jährige Frauen und Männer erzählen von Schiffbrüchen, von der Fischergilde, die sich jeden Montag traf, von Tanzmusikabenden und Prügeleien. So viel haben sie erlebt in ihrem Leben: Unvergessliche Feste, Liebeshändel, berufliche Neuanfänge, Geldsorgen, Zwist und Zusammenhalt, nur wenig kann sie noch überraschen. Aber dass jemand aus Europa extra hergeflogen kommt, nur um über ihre Felsen zu stolpern und seine Schuhe in ihren Sümpfen zu baden – nein, das hätte sich beim besten Willen niemand von ihnen je vorstellen können. Franz Lerchenmüller

NEUFUNDLAND

Anreise
Keine Direktflüge von Deutschland. Nach St. John’s mit Air Canada, Condor und Lufthansa via Halifax, Toronto, Montreal.

Unterkunft

Trailconnections: Sechs B & B-Betreiber am East Coast Trail decken gemeinsam fast den kompletten Trail ab. Ihr Paket enthält Unterkunft, drei Mahlzeiten am Tag und den Transport von und zum Trail. Es kostet im DZ pro Person und Tag 123 Euro, für Einzelwanderer 157 Euro, www.trailconnections.ca

Veranstalter

In Deutschland hat allein
Natours 2020 ein East Coast Trail-Paket im Angebot,

www.natours.de/wanderreisen/kanada/

Essen und Trinken

Chafe’s Landing Restaurant in Petty Harbours ältestem Haus von 1878. Es gibt Fish and Chips, Miesmuscheln, Hummer und Pommes, www.chafeslanding.com. Das „Fork“ bietet Jakobsmuschelrisotto, Salzfisch oder Kabeljau aus der Pfanne – was Land und Saison gerade köstliches bieten, www.forkrestaurantnl.com

Allgemeine Informationen www.eastcoasttrail.com www.newfoundlandlabrador.com

www.kanada-entdecker.de

© Schwäbische Post 03.01.2020 16:54
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