Lesermeinung

Zum Leserbrief „Nicht freiwillig getrennt“, SchwäPo vom 27. Dezember 2019:

Wer gerade jetzt in der Weihnachtszeit einen solchen Leserbrief schreibt, während er trocken, warm, sicher und satt im heimischen Wohnzimmer sitzt, dem fehlt es entweder an Herz oder an Verstand. An Herz, weil er den Eltern dieser minderjährigen Flüchtlinge vorwirft, aus Eigennutz verantwortungslos zu handeln und sich offensichtlich nicht vorstellen kann, wie schlecht sich diese Eltern fühlen müssen, ihre Kinder unbegleitet Fremden anvertrauen zu müssen. Wie groß die Not, die Armut, die Angst oder der Hunger sein müssen, damit man sein Kind (...) auf sich allein gestellt, den weiten und gefährlichen Weg nach Europa schickt. Natürlich haben sich diese Kinder nicht freiwillig von den Eltern getrennt, aber auch Eltern trennen sich nicht freiwillig von ihren Kindern.

Und an Verstand, weil er sich wohl auch nicht vorstellen kann, dass es Gründe gibt, die es einfach unmöglich machen, sein Kind auf dieser gefährlichen Reise zu begleiten. Vielleicht, weil das Geld fehlt, einen zusätzlichen Erwachsenen mitzuschicken. Oder weil der zweite Elternteil bereits tot ist und jemand bei den jüngeren Kindern im Heimatland bleiben muss. Oder weil die Erwachsenen gesucht oder verfolgt werden und nicht offen reisen können.

Und wer denkt, dass das bei uns in Zentraleuropa nie passieren könnte, der muss sich nur an die Schwabenkinder erinnern. (...)

Egal was man von den Lösungsvorschlägen von Herrn Habeck hält, sollte man es sich doch nicht so einfach machen und alles nur auf die Verantwortungslosigkeit der Eltern im Ausland schieben, anstatt die Ursachen, das gewaltige Ausmaß und die Folgen von Flucht und Migration anzuerkennen. Und eine „geordnete Familienzusammenführung zurück im Heimatland“ mag zwar eine Maßnahme sein, die für deutsche Verhältnisse verlockend klingt. Angesichts der Verhältnisse in den Heimatländern, wegen derer die Leute ja gerade fliehen, ist sie aber sicher auch keine Lösung.

Ein bisschen mehr Mitgefühl und Mitdenken täten dieser Diskussion sicher gut!

© Schwäbische Post 08.01.2020 15:28
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Kommentare

Christine Fuchs

Ich verstehe es sehr gut, dass Eltern ihre Kinder in ein Land schicken, in denen es ihnen eventuell besser geht. Ich habe den 2. Weltkrieg mit Flucht und Vertreibung miterlebt.  Meine Mutter hätte sich nie von uns Kindern getrennt. Wir haben zusammen gehungert und gefroren, in Heuhaufen geschlafen, aber wir wollten um jeden Preis zusammen bleiben. Natürlich tun mir die Kinder sehr leid. Sind wir für die Glaubenskriege auf der ganzen Welt verantwortlich? Gehen Sie und Herr Habeck doch mit gutem Beispiel voran und nehmen ein paar Flüchtlingskinder bei sich zu Hause auf. Das hatten 1945 einige Berliner auch mit Flüchtlingen gemacht. Ein Dach über dem Kopf und Essen. Das dürfte doch für Sie sicher kein Problem sein. Die Kinder werden es Ihnen danken. Den Eltern dieser Kinder möchte ich keine Berechnung unterstellen, dass sie ihre Kinder in das wohlhabende Europa schicken  , denn auf dem grossem Kontinent Afrika  gibt es auch  friedliche Länder.