Erst Dalmatiner, jetzt Collies

Lassie ist zurück im Kino. Das dürfte in vielen Leuten den Wunsch wecken, auch einen Collie zu haben. Experten warnen: Die Rasse ist pflegeaufwendig.
  • Vier Collies namens Jimmy, Emma, Jule, und Kathie. Sie gehören der Züchterin Elisabeth Wunck aus Zetel in Niedersachsen. Foto: Martin Remmers/dpa
Spielfilme mit Tieren sind für viele Menschen was fürs Herz. Vor allem Hunde sind süß und können einfach alles. Jedenfalls im Film. Dann ist schnell der Gedanke nicht mehr fern: Einen solchen Hund will ich auch haben. Einen Hund wie Lassie, seit Jahrzehnten der Star von Kinder- und Familienfilmen und jetzt in der deutschen Neuverfilmung „Lassie – Eine abenteuerliche Reise“, die seit einigen Tagen im Kino läuft. Doch nach Filmen mit tierischen Hauptdarstellern, seien es Dalmatiner, Clownfische oder bald vielleicht auch Collies, haben die Tiere oft das Nachsehen.

Hat der Kaufrausch die Hundefreunde schon gepackt? „Das wird schlimmstenfalls kommen“, sagt Marlies Fabisch vom Tierheim Hannover. „Die Erfahrung zeigt, dass es so ist.“

Denn schon ein Jahr nach der Premiere des Hollywoodfilms „101 Dalmatiner“ von 1996 wurden in den USA zehntausende verlassene Hunde in Tierheime eingeliefert. Viele mussten eingeschläfert werden, weil Platz fehlte. Das Problem unerfahrener Hundehalter: Nach einigen Monaten würden aus süßen Welpen durchaus schwierige Hunde, die Arbeit machen, sagt Fabisch.

„Zum Boom kommt es meistens dann, wenn der Film läuft und die Zuschauer sich spontan verlieben“, erklärt Katrin Umlauf, die Referentin für Hunde im Deutschen Tierschutzbund. Forscher der Universität New York stellen fest, dass Filme wie „Lassie“ die Hunderassen für Jahre populär machen können.

Heute sind Langhaar-Collies selten, aber das kann sich ändern: „Die Befürchtung ist, dass die Leute jetzt wieder daraufstoßen“, sagt Umlauf. „Für Tierheime ist das oft ein Desaster.“

Die Tiere würden meist überstürzt und ohne großes Nachdenken angeschafft. Das wird dann schnell zum Problem: Collies sind Hütehunde, die viel Beschäftigung brauchen, empfindsam und pflegeaufwendig sind und nicht für einen halben Tag in die Wohnung gesperrt werden können, sagt Umlauf. „Irgendwann suchen sie sich selber ,Jobs', das kann sehr unangenehm sein.“ Denn dann fingen die Hunde an, Radfahrer zu jagen oder sogar Familienmitglieder zu beißen. Oft endet das für den Hund im Tierheim.

Es trifft nicht nur Hunde: Sogar die Nachfrage nach Ratten war nach dem französischen Animationsfilm „Ratatouille“ (2007) hochgeschnellt, berichtet Umlauf. Nach dem US-Animationsfilm „Findet Nemo“ von 2003 wiederum waren Clownfische angesagt, anspruchsvolle, exotische Tiere, die nur im Meerwasseraquarium gehalten werden können. „Man kann davon ausgehen, dass die reihenweise gestorben sind.“

Wie kann es so weit kommen? Filme können durchaus Trends auslösen – doch „spätestens beim Kontakt mit einem Welpen setzt das rationale Denken aus und es wird emotional“, erklärt Udo Kopernik vom Verband für das Deutsche Hundewesen. „Alle Vernunft wird vergessen.“ Wer dem Tier dann nicht gewachsen sei und unter enormen Tierarztkosten ächze, wolle es am liebsten anonym im Tierheim loswerden.

Seriöse Züchter sehen sich Kunden zwar genau an. Aber wenn sie die Kundenwünsche bei gerade einmal zwei Würfen im Jahr nicht erfüllen könnten, öffne das Tür und Tor für unseriöse Züchter, sagt Kopernik. Die züchteten in Osteuropa, vor allem in Rumänien und Bulgarien – und der Markt sei „äußerst lukrativ“. Welpen würden teils zu Spottpreisen im Internet angeboten.

Umlauf beklagt, Hündinnen in Osteuropa würden in vielen Fällen als Gebärmaschinen missbraucht, die Welpen wiederum hätten meist keine Sozialisierung erfahren, weil sie viel zu früh abgegeben und von der Mutter getrennt würden. Auch seien sie oft nicht geimpft, geschwächt vom Transport und würden schnell krank. Und: Schlechte Erfahrungen setzen sich im Hundehirn fest.

Seriöse Züchter dagegen dürfen die kleinen Hunde erst ab Ende der achten Woche abgeben, sagt die Collie-Züchterin Elisabeth Wunck aus Zetel im Landkreis Friesland. Gut sei es für die Welpen, wenn sie auch die neunte Woche bei der Mutter verbringen, die ganze Hundefamilie erziehe die Kleinen mit. Werden die Welpen zu früh abgegeben, hätten sie keine Chance, das alles zu lernen.

Derzeit habe sie fünf bis sechs Anfragen nach Hunden, berichtet Wunck – mehr als sonst. Interessenten versuche sie zu erklären, dass sie ein Baby bekommen – man erwarte auch von Säuglingen nicht, Rad zu fahren. Und mit sechs Wochen seien die Welpen nicht stubenrein: „Was in der Fantasie der Leute abgeht, hat mit der Realität nicht viel zu tun.“ dpa
© Südwest Presse 29.02.2020 07:45
486 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.

Anmeldung zum E-Mail-Newsletter aus der Redaktion

Die wichtigsten und interessantesten Meldungen des aktuellen Tages aus der Redaktion direkt in Ihr E-Mail-Postfach – täglich und kostenlos jeden Abend.

Jetzt kostenlos anmelden

Aktuelle Meldungen direkt auf Ihr Handy