Durch und durch christsozialer Moslem

Lange gehörte es zum Sound der CSU, vor Moscheekuppeln zu warnen. Heute tun sich Teile der Partei noch immer schwer, Angehörige einer anderen Religion als Kandidaten aufzustellen. Aber es gibt Hoffnung. Momentaufnahmen aus dem Kommunalwahlkampf.
  • „Wer sich zu den Grundsätzen der CSU bekannt hat, sollte auch ein guter Kandidat sein“, sagt Markus Söder, CSU-Chef und Ministerpräsident. Foto: Peter Kneffel
  • Ozan Iyibas, Bürgermeisterkandidat der CSU in Neufahrn, und der bayerische Löwe: Das Undiffenzierte sei „das Gift in unserer Gesellschaft – leider auch in meiner Partei“, sagt der gebürtige Freisinger. Foto: Lino Mirgeler/dpa Foto: Lino Mirgeler/dpa
  • Die Grünen haben in ihrer Partei bisher am meisten für die Integration geleistet, findet Gudrun Brendel-Fischer (CSU), Bayerns Integrationsbeauftragte . Foto: Christine Schulz
  • Sener Sahin zog seine Bürgermeisterkandidatur in Wallerstein zurück, weil seine Religionszugehörigkeit kritisiert worden war. Foto: Walter Brugger
Das große Büffet ist aufgebaut zum „Valentinskaffee“ der CSU in Neufahrn. Der Ortsverband lädt ein in den Hotelgasthof Gumberger, an die 100 Bürger sind gekommen. Ozan Iyibas steht vor ihnen und sagt in breitem Bayerisch: „I mechad ned lang redn. Mir ham an scheena Kaffee und Kuachn.“ Dieses Jahr ist der Valentinskaffee bedeutsamer als sonst, Mitte März sind Kommunalwahlen in Bayern. Da gibt es viele Posten als Bürgermeister, Landräte, in Stadt- und Gemeindeparlamenten zu vergeben.

Ozan Iyibas, 37 Jahre alt, geboren im nahen Freising unterhalb des mächtigen Domberges, daheim seit jeher in Neufahrn, möchte Bürgermeister werden. Er ist ein Mann mit höflichsten Umgangsformen, kurz gehaltenem Vollbart, der sich tadellos mit dunklem Anzug und weißem Hemd kleidet. Er ist der Kandidat der Christsozialen.

Na und?

Er ist nicht nur CSU-Mitglied seit 2007. Er ist auch Moslem. Und als solcher der einzige christsoziale Bürgermeisterkandidat im großen Bayernland mit seinen 2031 Städten und Gemeinden, in denen gewählt wird. Ja, er ist überhaupt der einzige muslimische Bewerber für einen solchen Posten im Freistaat, den anderen Parteien ist keiner in ihren Reihen bekannt. CSU und Muslime, CSU und Migranten sowie Migrantenkinder – das schien über lange Zeit nicht zusammenzupassen. Wollte die Partei doch immer die konservative Tradition, die weiß-blaue Heimat in ihren Besitz nehmen. Es gehörte zum Sound der CSU, Kirchtürme zu beschwören und vor Moscheekuppeln zu warnen. „Wir und die“, sagt Ozan Iyibas im Gespräch, „mit diesem Denken muss Schluss sein.“ Das Undifferenzierte sei das „Gift in unserer Gesellschaft – leider auch in meiner Partei“.

Traditionelle Werte sind ihm wichtig

Seine Familie ist ein Musterbeispiel gelungener Integration. Der Vater Cuma kam in den 70ern aus der Türkei nach Deutschland und arbeitete bis zur Rente in einem Metallbetrieb. „Als Ozan Kandidat wurde“, erzählt er, „sind meine Frau und ich auch in die CSU eingetreten.“ Die Mutter Kadiye hat ihre Kinder in den katholischen Gottesdienst genommen, damit sie sehen, wie das in Bayern ist. Ozan lernte bei der Sparkasse Neufahrn und arbeitete dort zwei Jahrzehnte lang, zuletzt als Leiter der Geschäftsstelle mit 20 Mitarbeitern. Inzwischen hat er sich selbstständig gemacht.

Auch beim Valentinskaffee hören die Fragen nicht auf. Viele Bürger wollen wissen, wie er es mit dem Islam hält. Iyibas ist ein Sonderfall, als „Exot“ wurde er schon bezeichnet. Muslime, die sich in Bayern für die Christsozialen stark machen, sucht man wie die Stecknadeln im Heuhaufen. Ozan Iyibas sagt: „Ich bin Alevit, das ist eine liberale und gemäßigte Richtung im Islam, die den christlichen Werten sehr ähnelt.“ Er erzählt auch, dass man ihn fragte, ob mit ihm als Bürgermeister der Sankt-Martins-Umzug und der Christkindlesmarkt in Neufahrn abgeschafft werden würden. Iyibas meint: „Der Sankt-Martins-Umzug war eine der schönsten Sachen in meiner Kindheit.“ Und: „Bei mir im Amtszimmer wird ein Kreuz hängen.“

Wie kommt so einer zur CSU? Er sei konservativ, sagt er. Traditionelle Werte seien ihm wichtig, eine intakte Familie und Heimat. Die Marktwirtschaft, die die CSU vertrete, sei genau sein Konzept. Und die Bürger warnt er im Gespräch: Was Grüne und SPD so denken und machen, klinge „oftmals ziemlich sozialistisch“.

Auf Ozan Iyibas würden nicht so viele Blicke liegen, hätte es den Fall Wallerstein nicht gegeben. In dem bayerisch-schwäbischen 3300-Einwohner-Ort bei Nördlingen sollte es auch einen CSU-Bürgermeisterkandidaten geben. Doch der 44-jährige Sener Sahin warf kurz vor der Nominierung im Januar hin. Innerhalb des CSU-Ortsverbands war seine Religionszugehörigkeit kritisiert worden. Man habe ihm gesagt, so Sahin damals: „Wir können das nicht mit Dir als Moslem.“ Der Ortsverbandschef Georg Kling meinte im Nachhinein: „Wir sind auf dem Dorf, und wir sind noch nicht so weit.“ Sahins Fall sorgte für bundesweite Aufmerksamkeit: Die CSU vergrault einen, der mitarbeiten will, weil er Moslem ist.

Wenige Tage darauf wurde Ozan Iyibas in Neufahrn nominiert – einstimmig. „Ich finde es sehr gut, dass der Ozan das macht“, sagt etwa Horst David, Mitglied im örtlichen CSU-Vorstand. „Warum soll jemandem wie ihm der Weg in die Politik versperrt bleiben?“ Die Christsoziale Julia Kürzinger, 39 Jahre alt, die auch für den Gemeinderat kandidiert, meint: „Ja klar, der Ozan, der ist einfach einer von uns.“ Mit seinem Bruder sei sie schon in die gleiche Klasse gegangen. Manchmal möchte Ozan Iyibas gar nicht mehr über das Thema Migranten und die CSU reden. Doch in der Partei ist er Vorsitzender des Arbeitskreises „Migration und Integration“. In Neufahrn will er auch über Kommunalpolitik sprechen, über die Weiterentwicklung Neufahrns, 25 Kilometer nördlich von München gelegen. Das Erscheinungsbild des Ortes gefällt ihm nicht: „Wenn man von Eching nach Neufahrn reinfährt, will man gleich wieder raus.“ Er breitet seine Vorstellung von neuem gemischtem Wohnraum aus – „zwischen Rewe und der Feuerwehr“. Doch kommt er mit so etwas bei den Bürgern an? In der Gemeinde kandidiert der grüne Bürgermeister Franz Heilmeier erneut, die Christsozialen sehen ihn naturgemäß nicht unkritisch. Sechs Bewerber gibt es, und der CSU-Ortsverband hofft stark, dass es Iyibas zumindest in die Stichwahl gegen den Grünen schafft.

Dass es in einer modernen und sich verändernden Gesellschaft auch in der Politik mehr Menschen mit ausländischen Wurzeln braucht, scheint auch der CSU-Spitze klar geworden zu sein. Über den Fall des Ex-Kandidaten Sahin in Wallerstein sagte Parteichef Markus Söder prompt: „Wer sich zu den Grundsätzen der CSU bekannt hat, der sollte auch ein guter Kandidat sein.“ Er forderte seinen Generalsekretär Markus Blume auf, die Angelegenheit zu klären. Dieser rief noch am selben Tag bei Sener Sahin an, versicherte ihm, dass große Teile der CSU hinter ihm stünden, bat ihn, seine Entscheidung zu überdenken. Blume bot Sahin auch an, selbst zur Nominierungssitzung nach Wallerstein anzureisen und ihn zu unterstützen. Doch Sahin wollte seine Entscheidung nicht mehr rückgängig machen.

Parteien mit Nachholbedarf

Ist die zumindest gefühlte Abschottung gegenüber Migranten ein Sonderproblem der CSU und da speziell eines der älteren lokalen Parteifunktionäre auf dem Land, die weiterhin in Abwehrreflexe verfallen? Das möchte Gudrun Brendel-Fischer so nicht stehen lassen. Die CSU-Landtagsabgeordnete ist bayerische Integrationsbeauftragte und sagt: „Manche Parteien haben einen gewissen Nachholbedarf.“ Es sei aber „Hausaufgabe aller Parteien, Menschen mit Migrationshintergrund genauso als potentielle Kandidaten anzusprechen wie andere“.

Unbestritten ist aber auch für sie, dass es eine Partei gibt, die bei der Integration von Migranten bisher am meisten geleistet habe – die Grünen. Cem Özdemir, die baden-württembergische Landtagspräsidenten Muhterem Aras oder auch mehrere bayerische Landtagsabgeordnete mit ausländischer Herkunft weisen auf eine gewisse Normalität hin. Bei den anderen Parteien jedoch ist deren Beteiligung schon recht dürftig. In Bayern hat die SPD den Landtagsabgeordneten Arif Tasdelen, dessen Bruder Halil in Bayreuth ebenfalls für die Sozialdemokraten aktiv ist. Die Freien Wähler (FW) reagieren auf eine Anfrage überhaupt nicht, bei ihnen gibt es offenbar niemanden, von dem die Parteizentrale diesbezüglich weiß.

Die CSU hat den Münchner Stadtratskandidaten Serdar Duran auf einem eher schlechten Listenplatz. Sie hat Mehmet Sapmaz, seit Jahren Stadtrat in Erlangen. Der 49-jährige Finanzfachmann kritisiert, dass höhere Ämter wie Landrat oder Abgeordnete für Muslime heute immer noch nicht erreichbar seien. Sapmaz sagt: „Das dauert wohl noch 20 oder 25 Jahre.“ So lange wollen nicht alle warten. Ümit Sormaz in Nürnberg hat 2017 die CSU verlassen und ist zur FDP gewechselt. Für die kandidiert er nun als Oberbürgermeister.

Ozan Iyimas in Neufahrn erzählt von einer Morddrohung und verschiedenen Beleidigungen per Email. Er sagt: „Jeder, der Vorbehalte hat, kann mich anrufen. Meine Handynummer ist bekannt.“ Der Valentinskaffee geht zu Ende, die Frauen bekommen von ihm beim Abschied Rosen und Primeln überreicht. Vielfach wünscht er „Ois Guade“ und sagt „Pfiadi“.
© Südwest Presse 29.02.2020 07:45
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