Berlinale

Der Einbruch der Wirklichkeit

Die erste Ausgabe des Festivals unter neuer Leitung hatte massive Probleme – und trotzdem Glanzpunkte vor allem beim deutschen Film. Gleich drei Produktionen zählen zu den Favoriten.
  • Gute Chancen bei der Bärenvergabe: Die Darsteller in Burhan Qurbanis Neuverfilmung von Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ (von links) – Michael Davies (Bantu), Welket Bungue (Francis/Franz) und Jella Haase (Mieze). Foto: Britta Pedersen/dpa
  • John Magaro und Kuh Evie in einer Filmszene von „First Cow“. Foto: Allyson Riggs/A24/Berlinale/dpa
Dass die beiden Stars, die das Festival in Aufregung versetzten, ausgerechnet zwei Politikerinnen waren, und dann noch zwei so konträre wie die ehemalige US-Außenministerin Hillary Clinton und die ehemalige Spitzenpolitikerin der Linken, Sahra Wagenknecht, passt zu einer Berlinale, die mehr von den äußeren Umständen geprägt worden war als vom eigentlichen Programm. Das erste Jahr des neuen Festivalduos Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek hatte es schwer – was weniger an den beiden lag, sondern an den großen Themen, die parallel zum Festival Deutschland und Welt beschäftigten.

Der Terroranschlag von Hanau am Vorabend der Berlinale-Eröffnung warf seinen schwarzen Schatten auf die Eröffnungsfeierlichkeiten. Die von Tag zu Tag dringlicheren Meldungen in Sachen Corona ließen so manch einen mit erheblichem Unbehagen in den vollbesetzten Festivalsälen mit witterungsbedingt ohnehin hustendem und schniefendem Publikum ausharren – immer wieder war spekuliert worden, ob das Festival Maßnahmen ergreifen würde. Atemschutzmasken trugen gleichwohl die wenigsten.

Hinzu kamen noch ausgesprochen unwirtliche Verhältnisse am Potsdamer Platz, wo Arkaden- und U-Bahn-Umbau und Cinestar-Schließung keine rechte Festivalstimmung und einen erheblichen Versorgungsengpass entstehen ließen. Von festivalinternen Problemen wie den am Tag der Programmpressekonferenz bekanntgegebenen Erkenntnissen über die lange verdrängte NS-Vergangenheit des ersten Berlinale-Leiters Alfred Bauer ganz zu schweigen.

So hatten es die Filme schwer, gegen das Gewicht der widrigen Umstände Glanz und Glamour zu verbreiten. Nicht geholfen hat auch, dass durch die Verschiebung der Berlinale hinter die Oscar-Verleihung die großen Hollywood-Studios keinen Anlass mehr sahen, ihre Stars beim Festival schaulaufen zu lassen. So kam nur, wer ein eigenes Anliegen auf der für politisches Engagement immer dankbaren Berlinale präsentieren wollte: Johnny Depp, der mit dem von ihm produzierten Film „Minamata“ einen japanischen Umweltskandal der Siebzigerjahre thematisiert, oder Cate Blanchett, die mit „Stateless“ ihre Serie zu Heimatlosigkeit und Flucht in Australien vorstellte.

Was sind die Favoriten bei der Bärenvergabe an diesem Samstagabend? Der Wettbewerb gehörte den Independents wie den US-Regisseurinnen Kelly Reichhardt mit ihrem sanften Western „First Cow“ oder Eliza Hittman mit ihrem Abtreibungsdrama „Never Rarely Sometimes Always“ – und den Deutschen. Mit gleich drei starken Produktionen präsentierte sich die hiesige Kinolandschaft, samt überragender Schauspieler, und es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn nicht Nina Hoss für ihre unendlich differenzierte Darstellung einer Theaterautorin, die zwischen Karriere, sterbendem Bruder und zerbröselnder Ehe zerrieben wird, mit einem Bären belohnt wird. Aber auch Paula Beer als Märchenwesen Undine, das zwischen Berliner Großstadt und mythischen Wasserwelten seine große Liebe zu leben versucht, wäre eine würdige Kandidatin.

Ja, und dann ist da noch die monolithisch-gewaltige Neuinterpretation von Döblins „Berlin Alexanderplatz“, mit der Burhan Qurbani gegen Festivalende die Maßstäbe entschieden zurechtgerückt hat, indem er Döblins 20er-Jahre-Welt konsequent ins Jetzt des heutigen Immigranten-Berlins versetzt. Unterstützt wird er von Schauspielern, die den dreistündigen Parforceritt um Macht, Dominanz, Würde und Anerkennung so glaubwürdig wie albtraumhaft verkörpern: Welket Bungué als Francis/Franz, Jella Haase als Mieze und vor allem Albrecht Schuch als dämonischer, getriebener, und verführerischer Reinhold. An diesem Film kam auf der Berlinale 2020 keiner vorbei.

Und was ist mit den Neuerungen? Die neu geschaffene Reihe „Encounters“, in der Festivalchef Carlo Chatrian Raum für eine „neue Sprache im Film“ schaffen wollte, hatte starke Beiträge wie Viktor Kossakovskys so melancholische wie ergreifende Tier-Doku „Gunda“. Auch bei Beiträgen wie Josephine Deckers „Shirley“ über eine manipulative Autorin (Elisabeth Moss) oder Ivan Ostrochovskys „Sluzobnici“ über die Macht- und Überwachungsstrukturen in einem tschechischen Priesterseminar der frühen 1980er fragte man sich, warum Chatrian nicht den Mut hatte, diese Filme in den Wettbewerb und auf die große Bühne zu holen. So ist die Reihe in der Festivalwahrnehmung deutlich unter der Wahrnehmung weggetaucht und hat zudem den Traditionsreihen Forum, Panorama und Perspektive Deutsches Kino ein zusätzliches Abgrenzungs- und Profilierungsproblem beschert. Das Auswahlsystem Locarno so einfach mal nach Berlin importieren, geht eben nicht. Hier muss Chatrian im kommenden Jahr dringend nachjustieren.

Was die Berlinale 2020 so erschütternd wie deutlich zutage gefördert hat, ist eine Krise der Männlichkeit. Nicht nur durch Harvey Weinstein, dessen Verurteilung mitten ins Festival fiel, durch die nötigen Entschuldigungen eines auffallend müden Jurypräsidenten Jeremy Irons für vergangene unangebrachte Äußerungen und durch Aktivitäten von den Aktivistinnen von Pro Quote Film, sondern auch durch die Filme selbst.

Umstrittenes Experiment

Willem Dafoe, der in Abel Ferraras wirrem Selbstfindungstripp „Siberia“ von einer nackten Frau zur nächsten taumelt, Javier Bardem, der in Sally Potters „The Roads Not Taken“ geistig zerrüttet und mit gehörigem Selbstmitleid durch New York irrt, Philippe Garrel, der mit „Le sel des larmes“ in erlesenem Schwarzweiß letztlich einen banalen Vorstadt-Casanova porträtiert, der gewalttätige, von Abstiegsangst getriebene Vater in dem herausragenden italienischen Beitrag „Favolacce“ aus den Sozialvierteln um Rom und vor allem Ilya Khrzhanovskys umstrittenes Experiment „DAU.Natasha“ mit der berüchtigten Folterszene – überall Männer in der Krise, die ihren Bedeutungsverlust durch Gewalt und Übergriffigkeit zu kompensieren suchen.

Da ist man dann sehr erleichtert, wenn ein Star wie Helen Mirren, die mit dem Goldenen Ehrenbären für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurde, auf der Pressekonferenz souverän und mühelos die eigene Deutungsmacht spüren lässt, und selbst notorisch stoffelige Journalisten zu Standing Ovations verführt. Die Macht und den Eigenwert des Kinos – sie hat man auf der diesjährigen Berlinale viel zu selten zu spüren bekommen.
© Südwest Presse 29.02.2020 07:45
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