Versager oder Lichtgestalt?

Kein Papst des 20. Jahrhunderts hat solche Kontroversen ausgelöst. War Eugenio Pacelli „Hitlers Papst“ oder ein Hoffnungsträger, der tausende Juden gerettet hat? Auskunft geben Geheimarchive des Vatikans. Am 2. März werden sie geöffnet.
  • Blick in die Räume des Vatikanischen Geheimarchivs. Dort werden nun Akten zu Papst Pius XII. Forschern zur Verfügung gestellt. Foto: © epd-bild / KNA-Bild Foto: © epd-bild / KNA-Bild
  • Noch immer umstritten: Papst Pius XII. Foto: dpa
Es ist der Stoff, aus dem Krimis sind. In vatikanischen Geheimarchiven lagern Dokumente, die seit jeher die Phantasie der Menschen beflügelten. „Hier haben die Päpste Weltgeschichte eingelagert“, verdeutlicht der Kirchenhistoriker Hubert Wolf. Ein umfangreiches Kapitel wird am 2. März geöffnet. Dann macht der Vatikan Forschern Dokumente zu Pius XII. zugänglich, jenem Papst, der die Weltkirche während des Nationalsozialismus führte.

War Eugenio Pacelli, wie Pius XII. mit bürgerlichem Namen hieß, Hitlers Papst, wie der Autor John Cornwell titelte, oder eine schweigende Lichtgestalt, die tausende Juden rettete? Über keinen anderen Pontifex des 20. Jahrhunderts gehen die Meinungen so weit auseinander.

Als Pius XII. 1958 starb, schrieb die israelische Außenministerin und spätere Premierministerin Golda Meir: „Wir trauern. Wir haben einen Diener des Friedens verloren. Die Stimme des Papstes war während der Nazizeit klar, und sie verteidigte die Opfer.“

Davon konnte beim Dramatiker Rolf Hochhuth keine Rede mehr sein. 1963 sollte sein Stück „Der Stellvertreter“ das bis dato geltende Bild Pius XII. erschüttern. „Wer helfen will, darf Hitler nicht provozieren“, legt der Theatermann dem Papst in den Mund. Schweigen zum Massenmord an Juden, Oppositionellen, Behinderten und Sinti und Roma sei der Preis dafür gewesen, dass in Rom während der deutschen Besatzung tausende Juden gerettet werden konnten.

Welches Bild ist nun korrekt? Darüber erhofft sich nicht nur Kirchenhistoriker Wolf Auskunft. „Die Vorstellung, dass ausgerechnet der Stellvertreter Jesu Christ auf Erden angesichts der schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte versagt haben könnte, erschütterte das Selbstverständnis der Institution „katholische Kirche“ zutiefst. Auch Überlebende des Holocausts verlangen seit Jahren Klarheit darüber, warum Pius XII. nicht deutlich zum Schicksal der Juden in Europa gesprochen hat. Das Schweigen des Papstes währte auch in den Nachkriegsjahren.

Suche nach den Motiven

Eine kritische Selbstreflexion über die Kriegsjahre war aus dem Vatikan nie zu hören. Auch Hintergründe zur „Rattenlinie“, mit der Geistliche NS-Verbrechern halfen, sich nach Südamerika abzusetzen, sind bis heute nicht bekannt. Adolf Eichmann, der Organisator des Massenmordes, zählte zu den Begünstigten, vermutlich auch Josef Mengele, der Arzt aus Günzburg, der tausende Juden den Tod brachte. Wusste der Papst von den Netzwerken? Duldete er sie, weil er im Kampf gegen den aufkommenden Kommunismus die größere Herausforderung sah? Wolf hofft, Antworten zu den Motiven zu finden.

Die Ergebnisse werden nicht nur für die katholische Kirche und den so gut wie abgeschlossenen Seligsprechungsprozess für den Kriegs-Papst von Interesse sein, sondern auch für das Verhältnis von Christen und Juden in Deutschland.

Bis erste Erkenntnisse vorliegen, wird es dauern. Mit drei bis fünf Jahren rechnet Wolf. Genau 81 Jahre nach der Wahl Pacellis zum Papst werden 200 000 archivarische Einheiten Forschern zugänglich gemacht. Jede davon umfasst bis zu 1000 Blatt Papier. Zum Geheimarchiv kommen Dokumente, die von päpstlichen Botschaften archiviert wurden.

„Die Öffnung der vatikanischen Archive ist ein großer Fortschritt. Die Erträge werden keine Diskussion beenden, aber auf eine fundierte Basis stellen“, sagt der Historiker Johannes Heil. Möglicherweise werfen die Erkenntnisse ein neues Schlaglicht auf jeden Antijudaismus, der die Päpste prägte und vermutlich auch das Denken von Pius XII bestimmte. So gut wie alle seiner Vorgänger pflegten ein ambivalentes Verhältnis zum Judentum. Bis Juden als Glaubensbrüder mit einem eigenen und gleichwertigen Wahrheitsanspruch anerkannt wurden, dauerte es. 1965 legte die katholische Kirche mit der Erklärung „Nostra aetate“ dafür den Grundstein.
© Südwest Presse 29.02.2020 07:45
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