Interview

Ein Zeichen des Vertrauens

  • Josef Schuster, Vorsitzender des Zentralrates. Foto: Hendrik Schmidt/dpa
Der Vorsitzende des Zentralrates der Juden, Josef Schuster, fordert die Aussetzung des Seligsprechungsverfahren für Pius XII., bis dessen Engagement zur Zeit des Nationalsozialismus geklärt sei.

Herr Schuster, was erwarten Sie von der Öffnung der vatikanischen Geheimarchive?

Josef Schuster: Ich erwarte mehr Klarheit zum Verhalten des Heiligen Stuhles während des Nationalsozialismus. Hätte sich Papst Pius XII. engagierter für Juden einsetzen können? Und hat der Vatikan geholfen, Naziverbrecher vor Strafverfolgung zu schützen, in dem er sie über die so genannte Rattenlinie ins Ausland brachte? Neue Forschungen können Spekulationen darüber beenden.

Belasten diese Fragen das jüdisch-christliche Verhältnis?

Ja, und zwar deshalb, weil es seit längerer Zeit ein Seligsprechungsverfahren für Pius XII. gibt. Nach dem was wir bisher wissen, gehe ich davon aus, dass der Vatikan mehr für die von den Nationalsozialisten verfolgten Juden hätte tun können.

Sie fordern diese Aussetzung des Verfahrens bis zur Klärung?

Ja. Zuerst muss die Rolle des Vatikans geklärt sein. Wenn sich Pius XII. in der Form eingesetzt hat, wie man es von einem Papst erwarten kann, spricht nichts gegen die Fortsetzung des Seligsprechungsverfahrens. Kommt man zu anderen Erkenntnissen, muss es beendet werden.

Welche Anforderungen stellen Sie an die Forscher und das Forschungsvorhaben?

Von deutscher Seite werden Professor Hubert Wolf, ein ausgewiesener Kirchenhistoriker, und Professor Johannes Heil, langjähriger Rektor der Hochschule für jüdische Studien in Heidelberg, beteiligt sein. Professor Heil genießt ein hohes Ansehen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft. Ein Ergebnis dieser Arbeitsgruppe wird die notwendige Anerkennung von jüdischer Seite finden.

Hat die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit eine Bedeutung in einer Zeit des erstarkenden Rechtsradikalismus und Antisemitismus?

Bezogen auf aktuelle politische Stimmungslagen sehe ich keinen Zusammenhang mit der Öffnung der Archive und der sie begleitenden Forschung. Allerdings ist der Schritt ein wichtiges und notwendiges Vertrauenssignal seitens der katholischen Kirche an die jüdische Gemeinschaft. Wir dürfen nicht vergessen, dass das, was wir an Antisemitismus erleben, nicht ausschließlich, aber doch mitverursacht ist durch Jahrhunderte langen christlich geprägten Antisemitismus. Elisabeth Zoll
© Südwest Presse 29.02.2020 07:45
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