Leitartikel André Bochow zum Umgang mit einer Pandemie

Corona und wir

  • NBR Berlin. Copyright: Thomas Koehler/ photothek.net Foto: Thomas Koehler/photothek.net
Es besteht kein Grund zur Panik! Wer bei diesem Satz kein mulmiges Gefühl bekommt, hat wirklich gute Nerven. Als ob die Regierung irgendwann verkünden würde, nun sei der Zeitpunkt gekommen, berechtigterweise panisch zu werden. Also, was sollen wir machen?

In Wahrheit warten wir auf Anweisungen. Auf klare Befehle. Auf Lautsprecherwagen vor der Tür. „Verlassen Sie nicht Ihr Haus!“, könnte es dann tönen. „Achtung, der Stadtbezirk ist abgeriegelt. Melden Sie unter folgender Internetadresse Ihren Lebensmittelbedarf an. Zuwiderhandlungen gegen die Anweisungen des Gesundheitsamtes und der Polizei gefährden Menschenleben und werden entsprechend geahndet.“ So oder so ähnlich könnte es werden.

Vielleicht werden uns die Maßnahmen am Anfang vernünftig und richtig vorkommen. Aber wie lange? Wenn im Viertel die Zahl der Infizierten steigt, werden viele versucht sein, herauszukommen. Verständlicherweise. Der Staat wird so etwas im Interesse der Gemeinschaft verhindern müssen. Die Frage ist, mit welchen Mitteln? Gelten in Pandemie-Zeiten ab einem bestimmten Stadium die Regeln der Demokratie nicht, gar nicht oder nur teilweise nicht? Das demokratische Südkorea geht gegen Corona nicht so rigide vor wie das nordkoreanische Regime, aber doch in einem Maße, das uns verstören würde: Demonstrationsverbote, Kita-Schließungen und die Empfehlung an die Bewohner einer 2,5- Millionen-Einwohner-Stadt, die Wohnungen nicht zu verlassen.

Natürlich gehen die Menschen in Demokratien auch in Notzeiten miteinander anders um, als es die Bewohner diktatorisch regierter Länder zu tun gezwungen sind. Wie sich das mit Dauer und Intensität der Virusausbreitung ändert, wissen wir nicht. In unserer gespaltenen Gesellschaft ist für den konkreten Fall dabei Folgendes entscheidend: Ein Teil der Gesellschaft misstraut der Politik, den Behörden, den Medien und nicht zuletzt der Wissenschaft. Sollte dieser Teil in der Krise die Meinungsführerschaft erlangen, dann besteht definitiv Grund zur Panik. Es würden Schuldige gesucht, Verschwörungstheorien, miese Gerüchte würden das Klima vergiften und Angst griffe um sich.

Bislang kann hierzulande davon nicht die Rede sein. Über Corona wird geredet, nach Kräften informiert, Menschen legen in aller Ruhe Vorräte an und am Abend treffen sie sich in der Kneipe oder im Konzert. Das ist beruhigend und doch nur eine Momentaufnahme. Es kann nicht schaden, sich gedanklich darauf vorzubereiten, wie man in Zeiten handeln würde, in denen die erwarteten Anweisungen des Staates unsere Freiheit drastisch einschränken. Dann werden möglicherweise zahlreiche Gewissheiten auf die Probe gestellt. In manchen Fällen könnte es heißen: Zähne zusammenbeißen und Befehlen folgen. Der Staat wiederum hat die Aufgabe, die Vertrauenswürdigkeit seiner Maßnahmen nachzuweisen. Zur Wahrheit kann aber auch gehören, dass dafür nicht immer die Zeit bleiben wird. Hier käme es auf Grundvertrauen an. Und darin liegt ein Risiko.

leitartikel@swp.de
© Südwest Presse 29.02.2020 07:45
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