Opel

„Wir müssen nicht alles neu erfinden“

Der Autobauer hat seine Sanierung hinter sich und will expandieren. Vorstandschef Michael Lohscheller erläutert, warum die Voraussetzungen dafür gut sind.
  • Opel-Vorstandschef Michael Lohscheller ist auch Mitglied des PSA-Konzernvorstandes. Foto: imago images/sepp spiegl
Opel galt jahrelange als Sorgenkind der deutschen Branche und häufte Verluste an. Seit der Übernahme durch den französischen Autobauer PSA im Sommer 2017 geht es wirtschaftlich bergauf. Am Mittwoch verkündete der Autobauer aus Rüsselheim einen Rekordgewinn von 1,1 Mrd. EUR. Die Umsatzrendite liegt bei 6,5 Prozent. Opel-Chef Michael Lohscheller freut sich, dass die Ziele früher erreicht wurden als geplant: Ein Gespräch über die neue Modellpolitik, Investitionen ins E-Zeitalter und den stotternden Automarkt.

Woran liegt es, dass der Absatz von Opel und der britischen Schwestermarke Vauxhall weltweit um mehr als 6 Prozent auf 973 431 Fahrzeuge gesunken ist?

Michael Lohscheller: Wir setzen zum einen auf die Marge pro Fahrzeug. Wir verkaufen nicht mehr mit Verlust. Wir haben Modelle aufgegeben, bei denen die Marge nicht ausreichend war. Zum zweiten schauen wir auf das Thema CO2, das hat oberste Priorität. Der Flottenverbrauch bei Opel ist 2019 um 20 Gramm pro Kilometer gesunken. Das ist ein gewaltiger Beitrag zum Klimaschutz. Wir haben besonders emissionsstarke Fahrzeuge aus dem Angebot genommen. Beides drückt den Absatz. Aber künftig wollen wir natürlich wieder mehr verkaufen.

Wie viel investiert Opel in die Expansion außerhalb Europas?

Ich nenne da keine konkreten Zahlen. Die Eintrittshürden sind vergleichsweise niedrig, weil wir vom Vertriebsnetz unseres Mutterkonzerns profitieren, also von Händlern und Finanzierungspartnern. In Russland können wir in einem PSA-Werk fertigen. Wir müssen nicht alles neu erfinden.

Wie stark ist der Druck von PSA auf Opel, sich weiter zu verändern? Bis 2025 sollen bis zu 4100 weitere Beschäftigte freiwillig ausscheiden.

Wir sind tief in den Konzern integriert und arbeiten in vielen Funktionen markenübergreifend – etwa im Einkauf, in der Entwicklung oder in der deutschen Vertriebsgesellschaft sowie in den Werken. Daher sind Mitarbeiterzahlen für Opel insgesamt nicht mehr aussagekräftig. Über alle Konzernmarken hinweg beschäftigt die Groupe PSA in Deutschland mehr als 17 000 aktive Mitarbeiter. Ja, wir haben bei Opel in Deutschland seit der Übernahme Stellen abgebaut, aber die Menschen sind immer freiwillig und zu attraktiven Konditionen ausgeschieden. Jetzt haben wir den Kündigungsschutz bis 2025 verlängert. Das ist ein klares Signal für das Niveau an Beschäftigung, das wir langfristig brauchen.

Wie lange gilt im Opel-Stammwerk in Rüsselsheim noch Kurzarbeit? Und wann sind die Standorte Rüsselsheim und Eisenach wettbewerbsfähig?

Eisenach ist gut ausgelastet. Das Werk ist auf dem richtigen Weg. In Rüsselsheim kommt der neue Astra erst im kommenden Jahr. Wir nutzen 2020 zur Vorbereitung der Produktion. Deshalb haben wir noch Kurzarbeit und denken über weitere Brückenlösungen nach. Die Lücke wird aber im nächsten Jahr mit dem neuen Astra gefüllt werden.

In Kaiserslautern wollen PSA und Opel Batteriezellen fertigen. Wie hoch sind die Investitionen?

Opel und PSA investieren gemeinsam 2 Mrd. EUR, unterstützt durch die französische Regierung, den Bund und die EU-Kommission. Umbau und Bau beginnen im nächsten Jahr, Ende 2023 sollen die ersten Batteriezellen produziert werden. Es entstehen rund 2000 Arbeitsplätze. Das wird Deutschlands größtes Werk für Batteriezellen: Im Endausbau werden in drei Stufen je 8 Gigawattstunden Kapazität entstehen und damit Batteriezellen für eine halbe Million Elektrofahrzeuge pro Jahr.

Wie beurteilen Sie die Perspektiven von Opel im E-Auto-Zeitalter?

Der Elektromobilität gehört die Zukunft. Wir haben erste Hybridmodelle auf dem Markt, im März kommt der Kleinwagen Corsa e, zu erschwinglichen Preisen von weniger als 30 000 EUR, zusätzlich mit 6000 EUR gefördert. Die gesamte Modellpalette wird bis 2025 komplett umgestellt. Wir bleiben aber technologieoffen.

Was bedeutet die Fusion von PSA und FiatChrysler für Opel?

Ich sehe darin eine große Chance. Ein größerer Konzern sorgt für mehr Wirtschaftlichkeit. Sie erzielen hohe Synergien, wenn sie statt für 7,5 für 9 Mio. Fahrzeuge einkaufen. Das wird auch Opel guttun. Opel ist gut positioniert als einzige deutsche Marke im Konzern. Man muss aber auch eine Stimme haben. Deshalb ist es gut, dass ich im vierköpfigen PSA-Vorstand sitze. Opel ist nachhaltig gut aufgestellt nach den Verbesserung den vergangenen drei Jahre. Auch wenn wir noch nicht auf dem Niveau der Werke von Peugeot und Citroën sind. Wir haben große Schritte nach vorne gemacht, aber noch reicht das nicht.

Wie sehr fürchten Sie Auswirkungen durch die Corona-Epidemie?

Auch wir fertigen mit Teilen aus China. Noch sind unsere Lieferketten nicht unterbrochen. Aber das kann sich täglich ändern. Wir schauen uns das genau an. Daneben haben wir Verbote für Reisen nach China und in andere Länder erlassen.

Was erwarten Sie für den Automarkt in diesem Jahr?

In China sind die Probleme der Coronavirus-Krise schon sichtbar. Wie sich das in Europa auswirkt, muss sich zeigen. Wir rechnen aus heutiger Sicht mit einem Rückgang des Markts um 3 Prozent. Eine Prognose für Opel kann ich heute nicht geben. Wir wollen uns natürlich weiter verbessern. Wir planen aber vorsichtig. Das wirtschaftliche Umfeld wird sich wohl nicht verbessern.
© Südwest Presse 29.02.2020 07:45
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