Dringender Appell an Ostalb-Bürger

Corona Soziale Kontakte reduzieren, Verantwortung übernehmen, Verbote ernst nehmen: Landrat, Kirchenvertreter, Mediziner und Bürgermeister formulieren deutliche Worte.
  • Die ganze kommunale Familie zieht an einem Strang: Vom Landrat über die Dekane bis zu den Bürgermeistern: 47 Amtsträger aus dem Ostalbkreis haben einen dringenden Appell verfasst, Verbote ernst zu nehmen. SDZ-Grafik: Carmen Apprich

Aalen

Das hat es in der Geschichte des Ostalbkreises so noch nicht gegeben. Angesichts der Bedrohung durch das Corona-Virus wenden sich in einem dramatischen, dringenden Appell maßgebliche Entscheidungsträger an die Bürgerinnen und Bürger des Kreises: Es sei „höchste Zeit, dass wir alle Verantwortung für uns, unsere Angehörigen und für alle Mitbürgerinnen und Mitbürger übernehmen“. Fehl am Platz seien „Ignoranz und Rücksichtslosigkeit“, schreiben die Unterzeichner, zu denen Landrat Klaus Pavel, Professor Dr. Ulrich Solzbach von den Kliniken Ostalb, sowie die Dekane der Kirchen, die Oberbürgermeister und Bürgermeister der Städte und Gemeinden gehören.

Die Situation: „Mitten in Europa“ – in Italien – verursache das Coronavirus „gravierende Auswirkungen“. So seien dort „über 41 000 Menschen infiziert und über 3500 Menschen bereits gestorben“. Für ganz Italien gelten Ausgangssperren: „Eine Situation, die uns betroffen macht, und die uns eine Lehre sein muss!“ Dennoch seien, auch im Ostalbkreis, „immer noch viele unter uns unbekümmert, schlagen alle Warnungen in den Wind und verhalten sich unvernünftig“. Damit gefährdeten sie „unser aller Gesundheit, unser Sozialsystem und unsere Wirtschaft!“, so die deutliche Aussage.

Die Ausbreitung des Coronavirus stelle die Gemeinschaft „vor große Herausforderungen“ und weiter: Das Land und die Bundesregierung haben Verbote erlassen, „die auch das Leben im Ostalbkreis dramatisch“ verändern. „Zahlreiche von Ihnen können nicht zur Arbeit, die Kinder können nicht in Kindergärten und Schulen, öffentliche Einrichtungen wie Schwimmbäder und Kultureinrichtungen sind geschlossen.“ Diese Verbote schränkten „in erheblichem Ausmaß unser Sozialleben und unsere Gemeinschaft ein“, räumen die Unterzeichner des Appells ein. „Aber nur mit diesen Einschränkungen können wir die sozialen Kontakte verringern und verhindern, dass sich dadurch das Virus ungehindert verbreitet.“ Diese „einschneidenden Einschränkungen“ seien getroffen worden, „um Sie zu schützen“. Und es könne im Interesse „unserer aller Gesundheit nicht toleriert werden, dass zu viele unter uns die Verbote nicht ernst nehmen.“ Es sei „höchste Zeit, dass wir alle Verantwortung für uns, unsere Angehörigen und für alle Mitbürgerinnen und Mitbürger übernehmen“.

Im Ostalbkreis seien alle verantwortlichen Partner „aktiv, gut aufgestellt und arbeiten mit ganzer Kraft und voller Energie daran“, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, die Infektionskette zu brechen und die Versorgung von Erkrankten sicherzustellen.

Von den Kliniken: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kliniken, niedergelassene Ärzte und das Gesundheitsamt Ostalbkreis arbeiteten eng zusammen. „Unsere Kliniken im Ostalbkreis sind gut vorbereitet, und wir haben für freie Kranken- und Pflegebetten gesorgt.“ Diese Vorsorge bleibe aber dann „ohne Wirkung, wenn noch zu viele unter uns unvernünftig und unbelehrbar davon ausgehen: ‘Mich trifft es nicht’.“ Denn es könne „unsere Familienangehörigen, unsere Nachbarn, unsere Arbeitskollegen oder unsere Freunde treffen“.

Die Zahlen: Der Ostalbkreis hat am 2. März eine Hotline für die Bürgerinnen und Bürger eingerichtet. Seit Beginn gingen über 60 000 Anrufe und tausende E-Mails ein. Die Bürgerschaft wurde umfassend beraten, Untersuchungstermine wurden vergeben. „Außerdem haben wir drei Untersuchungszentren eingerichtet. Zwei davon befinden sich in Aalen und eines in Schwäbisch Gmünd, weit über 1000 Personen erhielten bereits einen Abstrich.“ Aktuell – Stand Freitagnachmittag – seien bei im Ostalbkreis 138 Menschen an Corona erkrankt.

Vor allem die Jüngeren müssen jetzt an die Älteren denken und diese schützen.

Was zu tun ist: Die Unterzeichner rufen die „lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger“ auf:

  • Reduzieren Sie soziale Kontakte auf das Notwendigste!
  • Halten Sie mindestens zwei Meter Abstand zueinander.
  • Vermeiden Sie Treffen, die nicht absolut notwendig sind.

Es gehe jetzt darum, „Verantwortung für die Mitmenschen zu übernehmen, die besonders gefährdet sind“, die Älteren und chronisch Kranken: „Die Jüngeren müssen jetzt an die Älteren denken“ und diese schützen: „Jedem von uns fehlen aktuell die gewohnten sozialen Begegnungen. Aber wenn wir jetzt auf diese Begegnungen verzichten, dann rettet das Menschenleben.“

Die Hamsterkäufe: Vorratshaltung sei in gewissem Maße „schon immer sinnvoll“ gewesen. Hamsterkäufe hingegen seien „sinnlos und absolut unsolidarisch“. Die Lebensmittelversorgung sei „jederzeit gesichert“, einzig wegen unverhältnismäßigen „Hamsterkäufen finden Sie leere Regale vor“. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Lebensmittelbranche leisteten eine „hervorragende Arbeit“. Daher: „Begegnen Sie allen, die in diesen Zeiten für Ihre Versorgung, Ihre Gesundheit, Ihre Pflege für Sie da sind, mit Anerkennung, Wertschätzung und einem aufmunternden Lächeln.“

Zusammenhalt: Dank gebühre auch den zahlreichen Initiativen, die gegründet worden seien, um Nachbarschaftshilfe zu leisten und diejenigen zu unterstützen, „die in welcher Form auch immer“ Hilfe benötigen: „Helfen Sie mit, nehmen wir gemeinsam die Chance eines noch besseren Miteinanders wahr!“ Im Ostalbkreis gebe es „ein hervorragendes Gesundheitssystem, welches wir nur aufrechterhalten können, wenn wir uns alle an die Vorgaben halten!“ Der Dank gelte „allen haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die in dieser Krisenzeit enorm Großartiges“ leisten. „Wir halten zusammen und sind eine starke Gemeinschaft! Diese Krise werden wir, wenn wir zusammenhalten, gemeinsam bewältigen!“, schließt der Appell.

© Schwäbische Post 20.03.2020 18:49
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