Die Kinder von Cidreag

Sie sind Roma und leben am Rande der Gesellschaft. Ohne Bildung ist die trostlose Zukunft der Jungen und Mädchen vorgezeichnet. Seit Jahren bemüht sich ein Verein aus Bad Saulgau, das zu ändern. Ein Besuch in einem Dorf, in dem das Elend wohnt.
  • Heidi Haller umarmt ein Mädchen: Die Sehnsucht der Kinder nach Geborgenheit ist groß. Foto: Uwe Keuerleber
  • Nur unregelmäßig geht der sechsjährige Josef (rechts, mit einem Freund) in die Schule. Viele Roma- Kinder, die in Cidreag leben, können weder lesen noch schreiben. Foto: Uwe Keuerleber
  • Gamba lebt bei seinen Großeltern, die Eltern arbeiten im Ausland. Foto: Uwe Keuerleber
Noch herrscht Dunkelheit auf den Straßen der kleinen rumänischen Gemeinde Cidreag, einen Steinwurf entfernt von der ukrainischen Grenze. Ein paar Hunde streunen an diesem eisigen Morgen umher. Schmutzig gelb flackert das Licht der Straßenlaternen. Heidi Haller macht sich auf den Weg ins Roma-Viertel. Die 54-Jährige aus Bad Saulgau versucht, die Kinder aus den Slums dazu zu bewegen, in die Schule zu gehen.

Am Ortsausgang führt ein schmaler, morastiger Weg in das Elendsquartier der Roma, in dem die Häuser und Baracken langsam zerfallen. Kein fließendes Wasser, keine Toiletten. Die Notdurft wird vor dem Haus verrichtet. Da, wo eigentlich Türen sein sollten, gibt es nur alte, völlig zerschlissene Teppiche, die wenig Schutz vor der Kälte bieten. Draußen hängt klamme Wäsche, die nicht trocknen will.

In einem der Häuser lebt der sechsjährige Josef. Mindestens acht Menschen schlafen hier in einem Zimmer, verteilt auf Betten und Fußboden. Es ist eng, ein Geruch aus Schweiß und Kohlsuppe hängt in der Luft, der Fernseher läuft ununterbrochen, mittendrin der kleine Junge. „Kommst Du heute mit in die Schule“, fragt ihn Heidi Haller. Nein, er will zuhause bei seinen Geschwistern Andrea und Gamba bleiben. Die Kinder leben bei den Großeltern, ihre Eltern sind zum Arbeiten ins Ausland gegangen.

Für Heidi Haller ist das Alltag. „Obwohl in Rumänien Schulpflicht herrscht, kümmert sich niemand darum, ob die Roma-Kinder zu Schule gehen oder nicht. Viele Lehrer sind sogar froh, wenn sie nicht kommen, weil die meisten weder lesen noch schreiben können“, sagt sie.

Ein Ort der Zuflucht

Die Möbelrestauratorin konnte die bitterarme und erbärmliche Situation der Roma nicht länger ertragen – und auch nicht fassen, dass in Europa immer noch Menschen unter derart schlimmen Bedingungen leben müssen. Nach einer privaten Reise 2008 war für die Frau mit dem roten Lockenkopf klar: „Hier muss geholfen werden.“ Zusammen mit ihrem Mann Stefan Zell, einem 55-jährigen Marketing-Manager, organisierte sie zunächst Hilfstransporte.

„Das war alles schön und gut“, sagt Zell, „führte aber nicht aus der katastrophalen Lebenslage.“ Sie stellten die Transporte ein und eröffneten das Kinderhaus „BuKi“ in Cidreag – zur Betreuung von Roma-Kindern. „Das ist mehr als nur Alphabetisierung, es ist ein Ort der Zuflucht, wir geben den gestrandeten Kindern eine Lebensperspektive“, sagt er.

Der Name „BuKi“ stand früher für „Kinderhilfe Bulgarien“. Anfangs hatte der Verein ein Heim mit kranken und schwerstbehinderten Kindern in der bulgarischen Stadt Kardjali unterstützt. Seit 2008 ist er nur noch in Cidreag tätig und heißt nun „BuKi – Hilfe für Kinder in Osteuropa“. Die Arbeit des Vereins finanziert sich fast nur aus Spenden, auch die Baden-Württemberg Stiftung hilft bereits seit 2012 bei der Realisierung einzelner Projekte. Die jährlichen Ausgaben betragen etwa 70 000 Euro.

600 Roma leben in Cidreag. Schätzungen zufolge gibt es in Rumänien etwa zwei Millionen Roma, viele von ihnen an den Rand der Gesellschaft gedrängt, begleitet von ständiger Angst und Unsicherheit. Sie hausen dort, wo niemand sonst leben will, und müssen immer wieder damit rechnen, verscheucht zu werden, weil sie keine Dokumente haben, die sie als Mieter ausweisen. Im Kampf um einen Job haben sie selten Chancen. Nicht wenige Stellenanzeigen sind mit dem Zusatz versehen, Bewerbungen von Roma seien nicht erwünscht.

Heidi Haller besucht die 14-jährige Emilia. Schüchtern begrüßt das zierliche, kleine Mädchen mit den dunklen Augen den Besuch. Neben ihr steht der 24-Jährige Christopher mit einem auffälligen Skorpion-Tattoo am Hals, ein wortkarger Mann, der nur knapp auf Fragen antwortet. Emilia schweigt, ab und zu nickt sie mit dem Kopf. Es gehe ihm gut und Emilia auch, sagt Christopher in gebrochenem Deutsch. Er arbeitet nicht, bezieht bereits Rente. Weshalb er im Ruhestand ist, weiß keiner.

Emilia war zwölf als sie von zuhause auszog, die Zustände dort waren für sie unerträglich geworden. Jetzt ist sie 14 Jahre alt und seit einigen Monaten schwanger. Für Heidi Haller keine Seltenheit. „Die Mädchen sind nicht aufgeklärt, sie fragen sogar, ob man vom Küssen schwanger werden kann“, erzählt sie. Aufklärung tut Not, auch wenn es keine gezielten Programme dafür gibt. „Die Mädchen werden schnell in eine Rolle gedrängt, aus der es sehr schwer ist, wieder rauszukommen.“

Die Mutter kommt nicht mehr zurück

Das bedeutet für sie vor allem eins: Verzicht auf Bildung. „Damit ist ihr weiterer Lebensweg vorgegeben,“ sagt Stefan Zell, der auch Vorsitzender des Vereins ist. Viele Eltern verlassen ihre Kinder, um im Ausland Geld zu verdienen. Meist verrichten sie Arbeiten, die sonst keiner machen will. Sie verdienen ihr Geld in der Fleischverarbeitung, in Gewächshäusern, Frauen und junge Mädchen landen nicht selten auf dem Strich.

Auch Heidi Haller kennt solche Schicksale. Sie erzählt von einem siebenjährigen Mädchen, das statt zur Schule zu gehen, auf ihre jüngere Geschwister aufpassen muss und sich auch um den Haushalt kümmert. Den Vater haben die Kinder schon lange nicht mehr gesehen, er hat sich nach Deutschland aufgemacht. Auch die Mutter ging nach Deutschland, um dort für drei Monate als Erntehelferin zu arbeiten. Deshalb wurden die Kinder zur Tante gebracht.

Wenig später erfährt Haller, dass beide Eltern nicht mehr nach Cidreag zurückkehren werden. Offenbar habe die Mutter in Deutschland einen neuen Mann gefunden. Die Geschwister bleiben bei der Tante zurück. Heidi Haller und Stefan Zell sorgen dafür, dass sie nicht ins Waisenhaus müssen. Betreuerinnen des „BuKi“-Kinderhauses wiederum kümmern sich um die Tante und die Kinder.

Humanitäre Hilfen allein reichen nicht aus. Das haben Heidi Haller und Stefan Zell schnell begriffen. Was den Kindern helfe und sie vielleicht aus ihrem Elend herausholen könne, sei vor allem Bildung. „Weil die Kinder nur ihre eigene Sprache, Romanes, sprechen, fällt es ihnen schwer, in der Schule mitzukommen. Sie können sich nicht konzentrieren. Die wenigsten kennen die Uhr, woher sollen sie also wissen, dass um halb acht Schulbeginn ist“, sagt Zell. Deshalb liegen diese Kinder weit abgeschlagen hinter ihren Mitschülern. Stefan Zell weiß, dass sie einfach von Klasse zu Klasse weitergereicht werden, ohne dass die Bildungslücken je geschlossen werden.

Umso wichtiger ist das Projekt mit den Grundschulkindern: Fünf Betreuerinnen konnte der Verein dafür gewinnen. Nur Kinder, die in die Schule gehen, dürfen am Programm im Kinderhaus teilnehmen. Morgens werden sie abgeholt und bekommen ihre erste Mahlzeit. Anschließend gehen sie zur Schule. „Nachmittags werden sie pädagogisch betreut und auch sozial unterstützt“, sagt Heidi Haller. In den Ferien gibt es Freizeitprogramme. 25 Kinder kommen zurzeit ins Kinderhaus. Haller erzählt von sozialen Hürden und von der großen Ablehnung der Roma-Kinder innerhalb des Ortes. „Wir kümmern uns um einen geregelten Alltag, eine gesunde Ernährung und um die Gesundheit.“ „BuKi“ sieht sich als Bindeglied zwischen Roma-Kindern und ihrem Umfeld. „Vielleicht gelingt durch uns eine Akzeptanz der Kinder in der Schule.“

Das Ehepaar weiß mittlerweile, dass die Hilfe noch viel früher ansetzen muss. „Wir sehen eine wirkliche Chance auf einen Bildungsabschluss und auf eine Teilhabe der Kinder am gesellschaftlichen Leben außerhalb der Slums nur, wenn schon im Vorschulalter mit der Förderung begonnen wird“, sagt Zell.

Das kann aber nur gelingen, wenn die Eltern, insbesondere die Mütter, einbezogen werden. Deshalb soll von Sommer an in Cidreag eine Gruppe von zehn Kindern im Alter von drei bis fünf Jahren betreut werden. Ein Gebäude dafür gibt es schon. Spielerisch will man Jungen und Mädchen dann an einen strukturierten Tag gewöhnen – damit es irgendwann nicht mehr nötig ist, dass sich Heidi Haller morgens auf den Weg in die Slums macht, um die Kinder in die Schule zu holen.
© Südwest Presse 23.03.2020 07:46
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