Warum nicht per Brief?

Die Kommunikation mit älteren Menschen ist derzeit schwierig. Eine Expertin empfiehlt eine zeitlose Kulturtechnik.
  • Für alte Menschen ist der Tag oft lang, wenn sie alleine zu Hause sind – in diesen Zeiten noch länger als sonst. Foto: Karl-Josef Hildenbrand
Senioren gehören in der Corona-Krise zur Haupt-Risikogruppe. Experten empfehlen, dass Jüngere die Kommunikation mit ihren Eltern und Großeltern jetzt nicht abreißen lassen. Sie sollen telefonieren, skypen – und ihnen auch mal einen Brief schreiben. Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Die Krankheit trifft vor allem Senioren. Heißt es in der Krise jetzt: Junge gegen Alte? Diesen Eindruck konnte man jedenfalls zu Beginn der Epidemie bekommen. Junge Menschen trafen sich zu Corona-Partys und wiegten sich in der – wie man jetzt weiß – falschen Sicherheit, dass Menschen unter 50 nicht gefährdet sind. Höhepunkt dieser Phase war die verunglückte Satire im WDR-Jugendangebot „Funk“. „Interessant, wie fair dieses Virus ist“, hieß es dort. „Es rafft die Alten dahin, aber die Jungen überstehen diese Infektion nahezu mühelos.“ Inzwischen haben sich die Macher entschuldigt, und auch von Corona-Partys ist nichts mehr zu hören. Viele der Jüngeren hätten während der Krise erst lernen müssen, nicht mehr „ich-bezogen, sondern gemeinschaftsbezogen“ zu leben, betont die Göttinger Professorin für Wirtschafts- und Sozialpsychologie, Margarete Boos.

Welche Senioren leiden am meisten unter der jetzigen Situation? Ältere Menschen reagieren natürlich unterschiedlich auf zum Beispiel die Bilder aus Bergamo. Nach Einschätzung von Gabriele Wilz, Psychologie-Professorin an der Universität Jena, kann die Belastung für diejenigen besonders groß sein, die bisher schon an einer Angststörung oder an Depressionen leiden. „Solche Erkrankungen können sich durch die Krise noch verstärken.“

Wie hilft man diesem Personenkreis in der aktuellen Situation am besten? Besuchen geht nur noch im Ausnahmefall. An der Jenaer Forschungsambulanz schätzt man daher sehr, dass jetzt aufgrund der Corona-Krise auch telefonische und videobasierte Psychotherapie als Kassenleistung anerkannt werden. Dies sei insbesondere für sozial isolierte und psychisch belastete ältere Menschen ein sehr wichtiges Angebot der Gesundheitsversorgung, sagt Wilz.

Wem bereitet die Kontaktsperre größere Probleme – älteren Menschen in Heimen oder Senioren, die alleine leben? „Die größten Schwierigkeiten haben alle diejenigen, die Alleinsein stark belastet und die kein soziales Netz haben“, sagt die Psychologie-Professorin.

Es gibt zwar zahlreiche Hilfsangebote zum Einkaufen wie zum Beispiel von der Caritas und der Diakonie. Auch bestehen darüber hinaus vor allem in größeren Städten Nachbarschaftsangebote wie nebenan.de. Aber viele Menschen werden von einem Service nicht erreicht, weil sie entweder auf dem Land wohnen oder sich bei der Nutzung von Hilfsangeboten schwertun, die im Internet angeboten werden. Andere wollen sich sowieso nicht helfen lassen – und gefährden dadurch beim Gang zum Lebensmittelmarkt, zum Bäcker oder Metzger ihre Gesundheit.

Viele Jüngere halten durch Telefonieren oder Skypen die Kommunikation aufrecht. Welche Möglichkeiten gibt es noch? Das Briefeschreiben zum Beispiel. Über einen handgeschriebenen Brief von Kindern, Enkeln, Nichten oder Neffen würden sich gewiss die meisten Menschen im Alter von 60plus sehr freuen. „Etwas auf Papier Geschriebenes hat gegenüber einem Telefonat oder einer Mail den großen Vorteil, dass man es auch später nochmal in die Hand nehmen und sich daran freuen kann“, sagt Petra Tessarek, die als professionelle Briefeschreiberin Unterstützung bei dieser zeitlosen Kulturtechnik anbietet. „Ein Telefonat ist hinterher schnell vergessen, eine Mail wird irgendwann wieder gelöscht. Ein Brief aber ist wie ein Geschenk.“

Wie kann ein Brief an die Großmutter, an den Großvater interessant werden? „Eine schöne Idee ist es, beim Schreiben von gemeinsamen Erlebnissen zu erzählen – etwa von einer Familienfeier oder einem Besuch, die einem sehr positiv in Erinnerungen geblieben sind“, sagt die Frau aus dem westfälischen Porta Westfalica. „Man hat dann eine Gemeinsamkeit, obwohl man auf Distanz ist.“

Und wenn der Adressat dement ist? Dann kann das Briefeschreiben dennoch funktionieren. Denn auch wenn manche ältere Menschen die Vorgänge ihre Umwelt nicht mehr so gut mitbekommen – „an viele Ereignisse aus der Vergangenheit erinnern sie sich doch“, sagt Tessarek.

Welchen Fehler sollte man beim Briefeschreiben keinesfalls machen? „Man sollte nicht jammern“, rät die Expertin. „Also nicht schreiben: ,Das Klopapier ist überall alle.‘“ Lieber solle man das Positive betonen – und die Hoffnung auf eine bessere Zeit nach Corona zum Ausdruck bringen.
© Südwest Presse 25.03.2020 07:45
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