Verzweiflung, Angst – und Trotz

In der 8,5-Millionen-Einwohner-Stadt an der US-Ostküste breitet sich das Coronavirus besonders schnell aus. Während die meisten Einwohner mit der Bedrohung irgendwie zurechtkommen müssen, fliegen die Ultrareichen zu ihren Zweitwohnsitzen auf Long Island.
  • Philipp Hedemann
  • Leere Straßen, Geschäfte und Restaurants geschlossen: New York im Ausnahmezustand Foto: dpa/Mark Lennihan Foto: dpa/Mark Lennihan
  • Basist Foto: Philipp Hedemann
  • Die Zeit drängt: Gerichtsmediziner und Bauarbeiter vor einem behelfsmäßigen Leichenschauhaus, das gerade in Manhattan errichtet wird. Foto: Mary Altaffer/dpa
Der Feind ist überall, er ist unsichtbar, und er hat das Leben und Sterben in New York innerhalb weniger Tage komplett verändert. Die 8,5 Millionen-Einwohner-Metropole ist zu einem der Hotspots der weltweiten Corona-Krise geworden. Über 30 000 Menschen haben sich bereits infiziert, mehr als 300 sind gestorben. Und das Schlimmste – da sind sich alle Experten einig – kommt noch. Mit mindestens 120 000 bestätigten Fällen sind die USA mittlerweile von der Corona-Krise stärker betroffen als China. Mehr als 2000 Corona-Patienten sind in den USA bereits gestorben. Die Todeszahlen haben sich in der letzten Woche in etwa vervierfacht. Doch Ärzte und Politiker befürchten, dass die Lage im Big Apple und in anderen Corona-Hotspots in den USA sich trotz massiver Einschränkungen des öffentlichen Lebens und hektischer Bemühungen weiter zuspitzen und wie in Norditalien eskalieren könnte.

Was in den nächsten Tagen auf alle New Yorker Krankenhäuser zukommen könnte, ist im Elmhurst Hospital Center im New Yorker Bezirk Queens schon jetzt schreckliche Realität. Am Dienstag führte die Ärztin Ashley Bray dort innerhalb weniger Stunden Herzdruckmassagen an einer über 80 Jahre alten Frau, einem Mann in den Sechzigern und an einem 38-Jährigen durch. Alle waren positiv auf Corona getestet worden, alle hatten einen Herzstillstand erlitten, alle starben trotz Dr. Brays verzweifeltem Kampf um ihr Leben. Sie waren nicht die einzigen. Innerhalb von 24 Stunden starben im Elmhurst Krankenhaus 13 Menschen. „Es ist apokalyptisch“, sagte die 27-jährige Allgemeinmedizinerin der „New York Times“.

Schon morgens um sechs Uhr bildet sich vor dem Krankenhaus eine lange Schlange von Menschen mit Husten, Schnupfen und Fieber. Sie alle wollen sich auf Corona testen lassen. Manche von ihnen stehen bis zum späten Nachmittag an und werden dann nach Hause geschickt, ohne getestet worden zu sein.

Derzeit werden in einem Kongresszentrum in Manhattan unter Hochdruck vier Corona-Stationen mit je 250 Betten errichtet. Zudem wird geprüft, welche Hotels und Versammlungszentren zu provisorischen Krankenhäusern umfunktioniert werden können. Mitte April soll ein Krankenhausschiff der US-Marine mit 1000 Betten in New York festmachen und die überlasteten Krankenhäuser entlasten. Schon jetzt fehlt es fast überall an Beatmungsgeräten und Schutzausrüstung für Ärzte und Pfleger. In den sozialen Netzwerken kursieren Bilder, auf denen Pfleger in einem großen Krankenhaus in Manhattan notdürftig Mülltüten als Schutzkleidung verwenden.

Nach unbestätigten Berichten sollen die Leichenhäuser der New Yorker Kliniken bereits an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen. Vor einem Krankenhaus in Manhattan wird mit Kühlzelten und Kühlanhängern schon jetzt ein provisorisches Leichenhaus errichtet.

Seit einer Woche gilt in New York City und New York State ein verschärfter Ausnahmezustand. Schulen und die meisten öffentlichen Einrichtungen waren bereits seit dem 16. März geschlossen. Der neue Erlass schreibt unter anderem vor, dass alle nicht essentiell wichtigen Geschäfte – ausgenommen sind unter anderem Supermärkte, Apotheken und Tankstellen – geschlossen sein müssen. Außerdem ist im Freien jegliche Art von Versammlungen verboten. Menschen müssen mindestens sechs Fuß (1,82 Meter) Abstand voneinander halten. In manchen Teilen der Stadt patrouillieren Polizisten, um die Einhaltung zu kontrollieren.

Der Beginn des Corona-Ausnahmezustands fiel in New York mit den ersten schönen Frühlingstagen zusammen. Teilweise kletterten die Temperaturen bei strahlendem Sonnenschein auf über 22 Grad. Für New Yorker, die bei horrenden Immobilien- und Mietpreisen oft in winzigen Wohnungen ohne Balkon und Garten mit vielen Familienmitgliedern oder WG-Mitbewohnern auf engstem Raum zusammenleben, sind die vielen Parks und Spielplätze der Stadt die einzige Möglichkeit, der Enge zu entfliehen. Bis vor einigen Tagen tummelten sich dort noch größere Gruppen. Doch mittlerweile scheint der Ernst der Lage den meisten New Yorkern bewusst geworden zu sein. Immer mehr Parks sind verwaist, und Jogger, die einsam ihre Runden ziehen, achten peinlich genau darauf, niemanden zu nahe zu kommen. Wurden Menschen mit blauen Einweghandschuhen und Gesichtsmasken vor wenigen Tagen noch oft spöttisch belächelt, ziehen sie jetzt neidische Blicke auf sich. In den meisten Geschäften sind sie längst vergriffen, die Lieferzeiten bei Internetversandhändlern betragen meist mehrere Wochen, die Preise sind teilweise explodiert, ärmere New Yorker können sich die einfachen Masken schlichtweg nicht mehr leisten.

Im waffenverrückten Amerika haben auch bei Waffen und Munition die Hamsterkäufe zugenommen. Nicht wenige Amerikaner befürchten, dass in der Corona-Krise die öffentliche Ordnung zusammenbrechen könnte. Doch noch fahren auf dem East River die Fähren des öffentlichen Nahverkehrs nach Plan, aber sie wirken wie Geisterschiffe. Drängten sich noch bis vor kurzem Pendler und Touristen auf den Booten, geht jetzt nur selten jemand an Bord, und die wenigen Passagiere sitzen selbst bei schlechtem Wetter meist mit maximalem Abstand auf dem offenen Deck. In manchen U-Bahnen ist das Passagieraufkommen um bis zu 90 Prozent gesunken. Die, die noch Subway fahren, können sich kein Uber oder Taxi leisten und müssen unbedingt zur Arbeit, um sich und ihre Familien in der wohl größten Krise, die New York je erlebt hat, durchzubringen. Unter dem Ansturm der Hunderttausenden, die in letzten Wochen von einem Tag auf den anderen ihren Job verloren haben, sind die Seiten der Arbeitsämter zuletzt mehrfach zusammengebrochen.

Corona hat auch Ashley Allen die Existenzgrundlage genommen. Bis das Virus die Stadt mit voller Wucht erfasste, spielte der 52-Jährige als Bassist für „Moulin Rouge“ und sechs weitere Broadway Shows. Alle sind auf unabsehbare Zeit ausgesetzt. „Ich hatte jede Woche zwei bis acht Auftritte. Spiele ich nicht – kriege ich nichts!“ Der Musiker hat auch die Terroranschläge vom 11. September in New York erlebt. „Unmittelbar danach sind auch ein paar Auftritte abgesagt worden. Corona ist für mich viel schlimmer. Denn ich weiß nicht, wann ich endlich wieder auftreten und Geld verdienen kann“, sagt der Musiker.

Neben New York City und New York State gehören die US-Bundesstaaten New Jersey, Washington, Louisiana und Kalifornien in den USA zu den Corona-Hotspots. Die Zahl der neuesten Corona-Fälle und Todeszahlen gehört für viele Amerikaner mittlerweile zur morgendlichen Pflichtlektüre und viele ultrareiche New Yorker haben sich längst mit Privatflugzeugen und Helikoptern in ihre luxuriösen Zweitwohnsitze auf Long Island östlich der Millionenmetropole zurückgezogen. Doch viele der notorisch optimistischen New Yorker halten gerade jetzt zusammen. Auf handgeschriebenen Zetteln an Ampeln und in sozialen Netzwerken bieten sie alten und anderen besonders gefährdeten Nachbarn an, sie mit Lebensmitteln zu versorgen und verbreiten Durchhalteparolen.

Eines ist jetzt schon sicher. Corona wird New York hart treffen. Viele Menschen werden sterben. In der Stadt herrscht eine nervöse Mischung aus Angst, Hysterie und Trotz. Sicher ist aber auch: New York lässt sich nicht unterkriegen.
© Südwest Presse 30.03.2020 07:45
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