Witze und schmutzige Wäsche

Regisseur Woody Allen gehört zu den Ikonen des Kinos. Überschattet wird seine Karriere aber von Missbrauchsvorwürfen der Adoptivtochter – jetzt ist seine Autobiografie „Ganz nebenbei“ erschienen.
  • Woody Allen: „Ich habe eine wolkenverhangene Seele.“ Foto: Miguel Medina/afp
  • : Ganz nebenbei. Rowohlt, 448 Seiten, 25 Euro. Foto: Rowohl Verlag
Der Humor ist Woody Allen nicht vergangen. Kaum fängt die 448-Seiten-Autobiografie „Ganz nebenbei“ an, sprudeln die Pointen. Über seine Eltern schreibt er: „Die beiden passten zusammen wie Hannah Arendt und ein Gangsterboss. Sie waren uneins über alles außer Hitler und meine Schulzeugnisse. Aber trotz aller Wortgemetzel blieben sie siebzig Jahre verheiratet – um den anderen zu ärgern, vermute ich.“

Kindheit und Jugend nehmen mehr Raum als nötig ein, doch die Charakterisierung der skurrilen Verwandtschaft, antisemitischer Lehrerinnen und der Fluchtmöglichkeiten ins Kino sind für Allen ohnehin nur Anlässe, um unterhaltsame Funken zu schlagen. Die Marke Woody Allen rattert gut geölt. Das Frauenbild ist zwar nicht mehr ganz taufrisch, die Parade der Begegnungen mit schillernden Stars will kein Ende nehmen. Und natürlich darf auch die Selbstanalyse nicht fehlen: „Leute, das hier ist die Autobiografie eines misanthropischen, ungebildeten Gangster-Fans; eines kulturlosen Eigenbrötlers, der vor dem Spiegel übt, unbemerkt ein Pik-Ass im Ärmel verschwinden zu lassen, um seine Freunde auszunehmen.“

Allen ein Intellektueller? Da kann er nur kokett widersprechen: „Ich habe keine Einsichten, keine hochfliegenden Gedanken (. . .) Allerdings habe ich eine schwarze Hornbrille und behaupte: Diese Brille und mein Talent, mir Bildungsbröckchen anzueignen, die mir zwar zu hoch sind, die ich aber in meiner Arbeit unterbringen kann, um mich klüger wirken zu lassen, als ich bin, die halten dieses Märchen lebendig.“

Apropos Märchen: Was sagt Allen über den inzwischen fast 30 Jahre alten Missbrauchsvorwurf, zu dem er bisher kaum Stellung bezogen hat? Es langweile ihn, was ihm leider nicht erspare, sich über den ihm unterstellten Übergriff auf seine damals siebenjährige Adoptivtochter äußern zu müssen. „Ich hatte immer gehofft, Dylan würde im Laufe der Jahre irgendwie begreifen, dass ihre Mutter sie benutzt hat, ihr Alter und ihre Verletzlichkeit schamlos ausgenutzt hat, um ihr den Vater zu entziehen, weil sie wusste, dass sie mich damit am meisten treffen konnte.“

Auf 50 weiteren Seiten gibt sich Allen mal amüsiert, mal entsetzt über die Rachekampagne, die sich seine Ex-Frau Mia Farrow ausgedacht haben soll. Viele seiner Argumente leuchten ein, bis auf die schlecht sortierte Schmutzwäsche, auf die man hätte verzichten können. Dennoch ist es erfreulich, dass man seine Sicht der Dinge nach dem langen Ringen um die Veröffentlichung lesen kann. Das ändert aber nichts daran, dass letzte Zweifel bleiben.

Am meisten scheint Allen der illoyale Meinungswandel zu kränken: „Ich muss schon sagen, dass ich gestaunt habe, wie viele aus meiner Branche einfach umgekippt sind wie Dominosteine. Vielleicht aus persönlicher Überzeugung oder Angst, oder vielleicht auch aus dem Gefühl heraus, hier eine Gelegenheit nutzen zu können, sich in einer politisch korrekten Angelegenheit mit einem risikofreien Standpunkt in der Öffentlichkeit zu sonnen.“

„Mein Leben ist halb vorbei“

Und wenn sich Allen zum Schluss resigniert gibt, dann nur, um das Lachen triumphieren zu lassen: „Interesse an einem Vermächtnis hatte ich ohnehin nie. Ich bin 84, mein Leben ist halb vorbei. Was steht in meinem Alter noch auf dem Spiel? Da ich nicht an ein Jenseits glaube, macht es für mich im Grunde keinen Unterschied, ob man mich als Regisseur, Pädophilen oder gar nicht in Erinnerung behält.“

Allen arbeitet einfach weiter und schaut aus dem Fenster. „Sonnenschein deprimiert mich. Und die Stadt ist so wunderschön im Regen, unter wolkenverhangenem Himmel. Keine Ahnung, warum. Einige behaupten, das stünde in objektiver Korrelation zu meinem Innenleben. Ich habe eine wolkenverhangene Seele.“ Alexandra Wach
© Südwest Presse 30.03.2020 07:45
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