Das Leiden am Flickenteppich

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Ach, in diesen Tagen ist wieder viel vom Flickenteppich die Rede. Mit klagendem Unterton natürlich. Die Zeit wird umgestellt, und Europa ist sich wieder nicht einig, wie es künftg zu halten ist. In der Bildung, Deutschlands Lieblingskriegsschauplatz, gehört der Flickenteppich – und die Sorge, dass die Flicken nicht zusammenpassen – zum geflügelten Wortschatz; dazu große Länder, kleine Länder, Stadtstaaten, die in unterschiedlichen Farbkombinationen regiert werden; was für ein Kuddelmuddel! Hat man je einen Amerikaner über Kleinstaaterei klagen hören? Dabei kann das dort über Leben und Tod entscheiden. Selbst die Art der Hinrichtung ist variabel.

Es muss ein deutsches Trauma sein mit der Kleinstaaterei, das bis heute nachwirkt. Gerne wird darüber vergessen, dass einst ja alles noch viel bunter und chaotischer gewesen ist. Rund 300 Staaten umfasste das Heilige Römische Reich deutscher Nation. Und wenn auch die Zahl im 19. Jahrhundert durch einen gewissen Napoleon Bonaparte und dessen Folgen deutlich schrumpfte, so bestanden doch bis immerhin 1989 Deutschland West und Deutschland Ost. Die waren sich auch nicht grün. Nun haben wir seit geraumer Zeit das vereinte Deutschland und viele tun, als sei das nur ein alter, abgetretener Flickenteppich. Wer allerdings das Wort mal googelt, wird erschlagen von Flickenteppich-Verkaufsanzeigen. Es scheint ein begehrtes Textil zu sein. Günther Marx
© Südwest Presse 30.03.2020 07:45
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