Lagerkoller

„Isolation ist fatal“

Frauenhäuser und Beratungsstellen schlagen Alarm: Häusliche Gewalt wird bald ansteigen. Wie können sich Frauen schützen? Was die Politik tut?
  • 82 Prozent der Opfer häuslicher Gewalt sind weiblich. Foto: Dan Race/Fotolia
Jeden dritten Tag wird in Deutschland eine Frau durch ihren (Ex-)Partner getötet. 82 Prozent der Opfer häuslicher Gewalt sind weiblich. Tausende Frauen leben täglich in Gefahr. Sie werden geprügelt, angebrüllt, psychisch fertig gemacht. Die Isolation durch das Coronavirus macht die Situation für viele Frauen noch schwieriger. Davon sind Beratungsstellen, Frauenhäuser und Familienpolitiker überzeugt. Was können Betroffene tun? Was kann die Politik machen? Und was der Nachbar?

„Die Isolation durch Corona ist fatal“, sagt Sarah Trentzsch von der Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen (BIG). Der Verein betreibt eine Hotline, an die sich von häuslichen Angriffen betroffene Frauen wenden können. Die derzeitige Lage aufgrund der Ausgangsbeschränkungen sei vergleichbar mit der Situation an Feiertagen wie Weihnachten. „Wenn Menschen eng beisammen sind, steigt der Stress. Das kann selbst bei denjenigen, die nicht zu Gewaltausbrüchen neigen, zu Aggressionen führen“, sagt Trentzsch.

Wie gefährlich es für Frauen hierzulande werden kann, zeigt das Ausland. In China ist die Zahl der Beschwerden von Opfern häuslicher Gewalt während der Corona-Krise um das Dreifache gestiegen. Auch in Spanien gab es zuletzt deutlich mehr Femizide.

Für Deutschland gibt es bisher keine bundesweiten Zahlen. Doch: „Wir rechnen hier ebenfalls mit einem Anstieg an häuslicher Gewalt“, sagt BIG-Koordinatorin Trentzsch. Bisher, sagt sie, gebe es noch nicht signifikant mehr Anrufe bei der Hotline. Doch das sei nur eine Frage der Zeit. Kommt es zu Gewaltausbrüchen, sind Freunde oder andere Familienangehörige eine Anlaufstelle. Für einige Betroffene bleibt aber nur noch das Frauenhaus.

Doch in vielen Hilfseinrichtungen ist die Situation angespannter denn je. „Den Frauenhäusern fehlen bundesweit ohnehin schon 14 000 Plätze. Wegen der Abstandregelungen und knappen Personallage kann es passieren, dass die Häuser nun sogar weniger Kapazitäten haben als sonst“, erläutert Elisabeth Oberthür vom Verein Frauenhauskoordinierung, der deutschlandweit Frauenhäuser und Beratungsstellen unterstützt und berät.

Hinzu kommt, dass die meisten Häuser chronisch unterfinanziert sind und teilweise von nur zwei Frauen betrieben werden. Fehlt dann eine Mitarbeiterin, muss das Haus schließen. Das bedeutet für die Frauen meist eine Rückkehr in den permanenten Angstzustand. Zuständig für die Hilfseinrichtungen sind in erster Linie die Länder und Kommunen. Diese arbeiten in diesen Tagen bereits an Alternativen zu überfüllten Frauenhäusern. In Kassel etwa werden leerstehende Ferienwohnungen für Frauen in Not angemietet. Auch das Land Berlin hat zwei Hotels als Schutzräume für Hilfsbedürftige zur Verfügung gestellt. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) forderte mehr Länder dazu auf, den Beispielen zu folgen.

Hotels als Schutzräume

Doch nicht nur die Länder, auch der Bund ist gefragt. Einen ersten Schritt zur Verbesserung der prekären Situation der Frauenhäuser, hat die Bundesregierung unternommen. So sollen die Hilfseinrichtungen für Frauen vom milliardenschweren Rettungsschirm profitieren. Bisher ist allerdings noch unklar, wie viel Geld zur Verfügung gestellt wird und ob alle Frauenhäuser und Beratungsstellen unterstützt werden.

Dass auch wirklich alle etwas vom Rettungspaket abbekommen, hält Referentin Oberthür von der Frauenhaus-Koordinierung für unabdingbar. Doch nicht nur finanzielle Hilfe sei notwendig. Der Verein betont, dass die Mitarbeiterinnen der Frauenhäuser Unterstützung benötigen, damit sie Schutzangebote aufrechterhalten können – zum Beispiel, indem auch ihnen die Kindernotbetreuung für systemrelevante Berufe zur Verfügung steht.

Auch jeder Einzelne kann etwas tun, um die Gefahren für Frauen zu minimieren. „Häusliche Gewalt ist keine Privatsache“, betont Elisabeth Oberthür von der Frauenhauskoordinierung. Weghören und Wegschauen sind keine Lösungen.

Die Referentin empfiehlt Nachbarn, entweder die Polizei zu rufen, sich beim Hilfetelefon zu melden, wenn möglich per Smartphone Kontakt aufzunehmen oder auch mal an der Tür zu klingeln. „Manchmal hilft es schon, den Konflikt zu unterbrechen und beim Nachbarn zu fragen: Mir ist das Klopapier ausgegangen – haben Sie noch welches?“

Zu welcher Maßnahme die Betroffenen greifen, hänge aber stark von der Situation und dem Gefahrenpotential ab. „Da sollte man am besten auf seine Intuition hören und sich keinesfalls selbst in Gefahr bringen.“
© Südwest Presse 31.03.2020 07:45
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