Porträt

Ein Haudegen mit Doktortitel

  • WHO-Manager Mike Ryan. Foto: Martial Trezzini/Keystone/dpa
Mike Ryan wirft einen flüchtigen Blick auf seinen Boss. „Diese Frage kann der Generaldirektor beantworten“, lässt Ryan wissen. Über Ryans rötliches Gesicht huscht ein kurzes Grinsen. Bei der Pressekonferenz der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor wenigen Tagen hört es sich so an, als würde Ryan sagen, wo es langgeht. Als wäre Ryan der Generaldirektor. Der tatsächliche WHO-Generaldirektor, Tedros Adhanom Ghebreyesus, tut, wie ihm geheißen und beantwortet die Frage eines anwesenden Journalisten.

Ryan leitet als Chief Executive Director das WHO-Programm für Gesundheitsnotfälle: Als oberster WHO-Seuchenbekämpfer organisiert der hemdsärmelige Arzt aus Irland den internationalen Kampf gegen die eskalierende Corona-Pandemie. Doch verfügt der 55-jährige Draufgänger mit dem Doktortitel nur über beschränkte finanzielle und personelle Ressourcen. Und er darf den mehr als 190 WHO-Ländern keine Anweisungen geben. Stattdessen ermutigt, mahnt und fordert er: „Testen, Testen, Testen.“ Denn der Fachmann für Epidemien weiß: „Wir müssen wirklich die Kranken finden, diejenigen mit dem Virus, und sie isolieren, ihre Kontakte aufspüren.“ Nur so könne die Pandemie noch in Schach gehalten werden, wenn überhaupt.

Steile Karriere in der WHO

Er warnt: „Der größte Fehler ist es, gelähmt zu sein, aus Furcht zu versagen.“ Diplomaten im Umfeld der Weltgesundheitsorganisation loben Ryans Arbeit. Auch Korrespondenten streichen die Vorzüge des Iren heraus: „Mike redet nicht um den heißen Brei, er ist ein Macher“, betont ein Journalist.

Ryan scheut keine Krisen: Als junger Mediziner wurde er im Irak gekidnappt, er bekämpfte die Lungenkrankheit Sars in Asien und das Tropenfieber Ebola in Afrika. 1996 stieg er bei der WHO ein, kletterte rasch nach oben, baute das Krisenreaktionsteam mit auf. Das Bündeln der Kräfte in Notfällen in einem Zentrum, dem SHOC (Strategic Health Operations Centre) geht auf ihn zurück. Mit seinem robusten Kommunikationsstil schuf sich Ryan nicht nur Freunde. Zwischenzeitlich musste er die WHO verlassen und kehrte in seine Heimat Irland zurück. Doch niemand konnte den Haudegen in der WHO ersetzen. Seit 2017 sitzt Ryan in Genf wieder im Sattel – und muss jetzt die größte Herausforderung seines Lebens meistern. Jens Herbermann
© Südwest Presse 31.03.2020 07:45
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