Leitartikel Mathias Puddig zum Unterricht zu Hause

Witz und Kreativität

  • Unser Autor Mathias Puddig. Foto: Thomas Koehler/ photothek.net
Selbst die ambitioniertesten Eltern werden es mittlerweile gemerkt haben: Schule in den eigenen vier Wänden nachzuspielen, funktioniert nicht. Meist scheitert das nicht einmal an der Technik. Oft genug ist der Lernstoff zu schwer, zu kompliziert, zu unverständlich oder sogar zu leicht. Manchmal haben die Sprösslinge auch einfach keinen Bock mehr und lassen sich nur schwer von der Wichtigkeit überzeugen. Für viele Eltern bedeutet das Stress – und der kommt zu all den Sorgen, die sie sich ohnehin wegen der Corona-Krise und ihren Folgen machen, noch obendrauf. In vielen Familien wird das neue Chaos trotzdem noch mit Witz, Kreativität, Improvisationskunst und Diplomatie gemeistert. Und wenn Mütter und Väter dennoch noch an sich selber zweifeln, weil ab und zu mal etwas schiefgeht, dann sei ihnen gesagt: Das ist alles halb so wild.

Unterricht zu Hause kann nämlich gar nicht so funktionieren wie in der Schule. Ginge das so einfach, würden die Lehrer ja so einiges falsch machen. Eltern sind nicht nur keine Lehrer, auch die Kinder funktionieren zu Hause anders als im Klassenverband. Eine 45-Minuten-Stunde im Kinderzimmer ist allein schon deswegen undenkbar, weil unter echten Schulbedingungen auch kein Kind eine Dreiviertelstunde lang allein und hochkonzentriert unterrichtet wird. Da ist immer noch ein wenig Zeit für Organisatorisches oder einfach dafür, aus dem Fenster zu schauen und den eigenen Gedanken nachzuhängen – und das brauchen die Kinder auch.

Dazu kommt: Beim Durchackern von Schulbüchern und Arbeitsblättern können die Schüler sowieso nur wenig Neues lernen. Die Hausaufgabenforschung zeigt recht klar, dass sich auf diesem Weg zwar bekanntes Wissen festigen lässt. Für neuen Stoff fehlen den Eltern aber oft genug die didaktischen Fähigkeiten. Selbst wenn sich Mütter und Väter aus ihrer Schulzeit noch an binomische Formeln, das Plusquamperfekt, die Photosynthese und diese verdammten unechten Brüche erinnern, ist längst nicht gesagt, dass sie das alles auch erklären können und zwischen Homeoffice und anderen Erledigungen auch die Zeit dafür finden. Wenn die Kinder mehr wissen wollen, nur zu! Ersetzen können die Eltern die Lehrer trotzdem nicht.

Das müssen sie zum Glück auch nicht. Denn in diesen langen Wochen lernen die Kinder mehr, als jede Schule der Welt ihnen beibringen könnte. Wenn schon Vorschüler sich die Rede der Kanzlerin anschauen und danach ihre Eltern mit Fragen löchern, wenn Grundschüler vor Langeweile anfangen, all die Bücher in ihren Kinderzimmern endlich einmal wirklich durchzulesen, wenn aber auch der letzte der älteren Schüler verstanden hat, was es mit exponentiellem Wachstum auf sich hat und warum das für uns alle wichtig werden kann, dann kann von Corona-Ferien wirklich keine Rede sein – und der Sportunterricht lässt sich ja durch eine Kissenschlacht ersetzen. Mütter und Väter können sich also beruhigen. Und wenn sie die Zeit finden, beruhigt auch noch zu einem guten Buch zu greifen, sind sie ihren Kindern sogar noch tolle Vorbilder.

leitartikel@swp.de
© Südwest Presse 31.03.2020 07:45
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