„Jeder Euro zählt“

In der Krise fordert Osiander-Chef Riethmüller Solidarität: Kunden sollen bei regionalen Anbietern online bestellen und Amazon soll Steuern zahlen.
  • Verwaiste Buchläden sind eine Folge der Corona-Krise. Die Buchhändler fordern Hilfe. Foto: Foto: ©Maggie Chen/shutterstock.com
  • Christian Riethmüller. Foto: SteffenSixt/blind21
Klassische Buchhandlungen sind geschlossen. Christian Riethmüller, Geschäftsführer von Osiander, fordert mehr Bewusstsein für die Probleme, die damit auf den Buchhandel zukommen. Und mehr Bereitschaft, zu unterstützen – auch von den Kunden. Einige große Konzerne seien Krisengewinnler und müssten für die Kosten der Krise mit aufkommen.

Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf den Buchhandel?

Christian Riethmüller: Sie hat starke Auswirkungen, weil wir alle Buchläden schließen mussten. Der deutsche Buchhandel ist komplett inhabergeführt. Es gibt keine internationalen finanzstarken Ketten, sondern selbst die großen Filialisten wie Thalia oder Hugendubel sind Familienunternehmen wie Osiander. Was ja an sich sehr positiv ist.

Können Sie die Verluste in Zahlen angeben?

Ein verlorener Monatsumsatz ist knapp 8 Prozent des Jahresumsatzes. Bei einem zweiten Monat wären es 16 Prozent Umsatzverlust aufs Jahr gesehen. Ganz ehrlich, viele können mal 2 oder 3 Prozent Umsatzrückgang im Jahr überleben oder in solch einer Krise auch einen vollen Monat. Wenn die Läden dann aber weiter dicht machen müssen, werden wir eine Pleitewelle erleben. Es wird dann auch größere Firmen und mittelständische Filialisten treffen. Im gesamten Einzelhandel.

Kann das Online-Geschäft den Verlust wettmachen?

Wir fangen online nur einen Teil dessen ab, was wir in den Läden erwirtschaften. Onlineversand ist unrentabler, weil wir Porto und Verpackung mitrechnen müssen. Außerdem müssen wir einen Großteil über Nacht beim Großhändler bestellen, da sind die Rabatte deutlich niedriger. Trotzdem ist der Onlinehandel für uns gerade extrem wichtig. Jeder Euro zählt.

Mit Online-Bestellungen können Kunden Ihnen derzeit also am besten helfen?

Kunden sollten grundsätzlich zunächst schauen, ob ein regionaler Händler benötigte Artikel auf seiner Onlineplattform anbietet und dann dort bestellen. Es geht darum, sich Gedanken zu machen, achtsam, regional und nachhaltig einzukaufen. Der Buchhandel liefert portofrei und schnell. Fast alle Buchhandlungen haben einen Onlineshop. Und wir haben die Buchpreisbindung, andere sind also nicht billiger. Somit sind Online-Bestellungen bei regionalen Händlern jetzt und nach der Krise, sowie nach der Krise wieder die Besuche in den Läden, ein wichtiger Beitrag für den langfristigen Erhalt dieser Läden in unseren Innenstädten. Die Menschen haben es selbst in der Hand, die vielen inhabergeführten Buchhandlungen wie Osiander zu erhalten.

Ist das den Menschen bewusst?

Das Bewusstsein wächst gerade jetzt in der Krise, und das ist eine große Chance für deutsche Einzelhändler. Darauf sollten aber auch Politiker und Medien hinweisen. Wenn z.B. an einzelnen Schulen in den Tagen vor der Schließung Zettel für Lernhilfen herausgeben wurden und die Schüler aufgefordert worden sind, diese bei Amazon zu bestellen, dann finde ich das nicht gut. Deutsche Händler finanzieren mit ihren Steuern unser Gesundheitssystem und unsere Schulen.

Welche Maßnahmen der Regierung helfen dem Buchhandel, welche nicht?

Was nur kurzfristig hilft, sind Kredite, weil die ja zurückgezahlt werden müssen. Einige Kollegen sagen, dass sie lieber in die Insolvenz gehen, als die nächsten Jahre oder Jahrzehnte zu versuchen, einen Kredit zurückzuzahlen. Im Buchhandel sind in den vergangenen Jahren nicht wirklich hohe Renditen erzielt wurden. Viele Buchhändler sind froh, wenn sie einen kleinen Jahresüberschuss haben. Was jetzt hilft, sind Beträge, die nicht zurückgezahlt werden müssen, und da reichen die angekündigten Beträge nur aus, wenn die Läden nicht länger als 4 Wochen geschlossen bleiben müssen. Gleichzeitig muss eine Lösung für die Laden-Mieten gefunden werden, dass diese in der Zeit der Schließungen zum Beispiel halbiert werden.

Sollten die derzeitigen so genannten Krisengewinnler auch einen Beitrag leisten?

Ja. Man sollte jetzt eine gewisse Umverteilung machen. Gerade in der jetzigen Krise muss man sich in der EU zusammensetzen und Unternehmen wie Amazon endlich besteuern. Das ist längst überfällig. Auch die anderen Unternehmen, die von der Krise profitieren, sollten in einen Hilfsfonds einzahlen. Was da reinkommt, könnte als direkte Hilfe an diejenigen geleistet werden, die stark betroffen sind. Das wäre ein wichtiges Zeichen der Solidarität. Es stehen Existenzen auf dem Spiel.
© Südwest Presse 31.03.2020 07:45
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