Corona und die Galerien

Der Kunstmarkt bröckelt an der Basis

Michael Sturm vom Galeristen-Bundesverband sieht durch die Pandemie den Kulturstandort Deutschland gefährdet. Der Stuttgarter stellt konkrete Forderungen an die Politik.
  • Der Stuttgarter Galerist Michael Sturm befürchtet, dass sich durch die Corona-Krise das Galeriensterben ausbreitet. Foto: Georg Leisten
Schlechte Zeiten für Bilder: Nicht nur staatliche Museen müssen ihre Tore geschlossen halten. Das Maßnahmenpaket zur Eindämmung der Corona-Pandemie hat auch private Galerien gezwungen, den Betrieb einzustellen. Keine Vernissagen, keine Ausstellungen, keine Besucher. Was für staatliche Ausstellungsinstitutionen schon schlimm ist, bedeutet für Galeristen eine Katastrophe. Denn sie sind gezwungen, die Bilder, die sie zeigen, zu verkaufen.

„Die Stimmung unter den Kollegen ist äußerst gedrückt“, sagt Michael Sturm, Galerist in Stuttgart und Baden-Württemberg-Repräsentant im Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler (BVDG). Über die bereits geschlossenen oder abgesagten Ausstellungen hinaus ziehe die Krise noch viel weitere Kreise.

Die gesamte Jahresplanung vieler Kollegen sei ins Wanken geraten. „Wir hoffen alle, dass der Ausnahmezustand bald endet, aber als Galerist müssen Sie bei jeder geplanten Ausstellung in Vorleistung gehen. Für Transporte, Versicherungen, Einladungskarten et cetera. Wenn der Shutdown dann doch anhält, haben wir viel Geld in den Sand gesetzt.“ Ein weiteres Problem liege in der Absage wichtiger Messen. Alles keine guten Nachrichten: „Manche Kollegen“, berichtet Sturm, „erwirtschaften auf Messen die Hälfte ihres Jahresumsatzes.“

Könnten die Galerien nicht stärker versuchen, ihre Kunst online zu vermarkten? Michael Sturm ist skeptisch. „Klar kann man Bilder im Internet präsentieren, aber Kunst verlangt nach Leben und echten Begegnungen.“ Ausnahmen gebe es höchstens bei Grafik. „Siebdrucke und Lithografien“, so Sturm, „sind auch vor dem Digitalzeitalter schon über Kataloge und Prospekte vermarktet worden.“ Unikate dagegen sehe der Sammler lieber an der Galeriewand.

In Zahlen zu fassen vermag der Verbandssprecher die drohenden Einnahmeausfälle noch nicht, doch er ist sich sicher: „Alle werden betroffen sein.“ Auch internationale Großgalerien, weil sie besonders hohe Betriebsausgaben hätten. Von der auf den Weg gebrachten Mietstundung verspreche man sich im BVDG indes wenig. „Die Beträge müssten dennoch irgendwann zurückgezahlt werden. Wir säßen dann auf einem riesigen Schuldenberg.“

Dass es dem Land gelungen sei, in vergleichsweise kurzer Zeit einen Rettungsschirm für kleinere Unternehmen aufzuspannen, findet Sturm grundsätzlich bemerkenswert. Zusätzlich brauche es aber speziell auf den Kunsthandel zugeschnittene Erleichterungen auf Bundesebene. Sein Verband stehe bereits im Gespräch mit den zuständigen Berliner Ministerien. Konkret fordert Sturm: „Gebt uns den ermäßigten Mehrwertsteuersatz auf Kunst zurück!“ Im internationalen Vergleich sei die vor einigen Jahren eingeführte Erhöhung auf 19 Prozent ein extremer Wettbewerbsnachteil.

Mit der Arbeit von Kulturstaatsministerin Monika Grütters zeigte sich der Kunsthandel in der Vergangenheit bereits mehrfach unzufrieden, besonders wegen des Kulturgutschutzgesetzes. Grütters, kritisiert Sturm, denke nur an die Museen und die Urheber, nicht an den Galerienmarkt. „Sie muss in dieser Situation jetzt endlich erkennen, dass Künstler ohne Galerien gar nicht existieren können. Für Ausstellungen in Museen erhalten die ja kein Geld.“

Selbst wenn die Politik dem Kunstmarkt entgegenkomme und Deutschland die Corona-Krise überwinde – das auch durch die Mietpreisexplosion der letzten Jahre ausgelöste Galeriensterben der vergangenen Jahren, befürchtet Sturm, werde sich beschleunigen. „Ich sehe den Kulturstandort Deutschland bedroht.“ Ohne private Galerien jedoch breche der Szene die Basis weg: „Alle Künstler, die heute teuer bezahlt und bewundert in staatlichen Museen hängen, wurden zuerst von Galeristen entdeckt.“
© Südwest Presse 03.04.2020 07:45
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