Literatur

Zwei Schwestern gegen das System

Die Nigerianerin Oyinkan Braithwaite erzählt in ihrem Debütroman von Frauenleben und Männermorden.
  • : Meine Schwester, die Serienmörderin. Übersetzt von Yasemin Dinçer. Blumenbar, 240 Seiten, 20 Euro. Foto: Verlag
Schwestern haben es oft nicht leicht: Die eine ist Papas Liebling, die andere Mamas Spülhilfe. Bei Ayoola und Korede ist die Situation noch komplizierter: Die eine bringt nämlich alle ihre Liebhaber um, die andere kommt mit Putzzeug, um die Spuren zu entfernen. So beginnt „Meine Schwester, die Serienmörderin“ von Oyinkan Braithwaite: Die schöne Ayoola hat soeben ihren Freund Femi erstochen, warum, weiß sie gar nicht, und sitzt jetzt paralysiert neben dem Tatort, während die fleißige Korede Bleiche im Zimmer verteilt. Schwesterliebe zeigt sich in Grenzsituationen am stärksten.

In der englischsprachigen Welt hat das Debüt der 31-jährigen Nigerianerin Braithwaite, die einen Teil ihrer Kindheit und ihre Studienzeit in England verbrachte, hohe Wellen geschlagen: Das Buch erhielt euphorische Besprechungen, verkaufte sich gut und landete sogar auf der Longlist für den Booker Prize, den wichtigsten britischen Literaturpreis. Nicht schlecht für ein Debüt, noch dazu eines, an dem die Autorin nach eigenen Angaben nur wenige Wochen geschrieben hat.

„Meine Schwester, die Serienmörderin“, angesiedelt im Nigeria von heute, ist inhaltlich ein Hybrid, gleichzeitig ein lässig hingeschriebener Thriller und die Geschichte einer eigenwilligen Beziehung zweier Schwestern, die mit ihrer Mutter in einem viel zu großen Haus in der Metropole Lagos leben, einem Überbleibsel der zwielichtigen Geschäfte des verstorbenen Vaters.

Spannend und humvorvoll

Der Modedesignerin Ayoola verfallen die Männer reihenweise wegen ihrer Schönheit, während die ältere Korede, Ich-Erzählerin und von Beruf Krankenschwester, für die Herren unsichtbar bleibt, obwohl sie schlau und smart ist. Das muss sie auch sein, schließlich müssen die Bluttaten Ayoolas irgendwie vertuscht werden. Doch dann wird es ernst: Der Arzt Tade, der große Schwarm Koredes, verliebt sich ebenfalls in die Mörderin. Wird er ihr nächstes Opfer?

Braithwaites spannender, aber auch humorvoller Romanerstling ist kein großes Sprachkunstwerk, sein Ton ist der eines Krimis, die Szenen im Krankenhaus erinnern bisweilen an Vorabendserien (wenn auch mit sehr interessanten afrikanischen Eigenheiten), der Aufbau ist größtenteils chronologisch, bis auf einige Rückblenden, durch die dem Leser langsam klar wird, was mit Ayoola, Korede und ihrer gesamten Familie nicht stimmt.

Bemerkens- und lesenswert ist „Meine Schwester, die Serienmörderin“ durch die beiden Hauptfiguren, deren geschwisterliche Treue auch ein Bollwerk gegen toxische Männlichkeit ist – entsprechend positiv ist die Rezeption des Buches in feministischen Kreisen.

Hier drehen die Frauen den Spieß um: Die Schönheit Ayoolas ist nicht in erster Linie für sie selbst gefährlich, sondern für die Männer, die sie besitzen wollen. Und auch Korede unterwirft nicht ihr ganzes Leben der Suche nach dem perfekten Partner. Solche Frauen passen nicht ins System, schon gar nicht in ein Macho-System. Marcus Golling
© Südwest Presse 03.04.2020 07:45
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