Coronavirus Kinder

Die resistenten Kinder

Corona wütet, aber eine Bevölkerungsgruppe ist bislang verschont: die Kinder. Warum, weiß keiner so genau.
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  • Horst von Bemuth, Leiter der Immunologie an der Kinderklinik der Charité. Foto: Charité Berlin
  • Tim Niehues, Experte für Kinderimmunologie am Helios-Klinikum Krefeld. Foto: privat
Es grenzt an ein Wunder – und stellt die Experten vor Rätsel: Kinder scheinen bislang weltweit von schweren Covid-19-Verläufen verschont. Womöglich, so eine Hypothese, hilft ihnen ausgerechnet ihr noch nicht voll ausgereiftes Immunsystem.

Kinder sind bislang durch Covid-19 kaum gefährdet. Stimmt das? Die bisher vorliegenden Erkenntnisse weisen in diese Richtung. Nach einer chinesischen Untersuchung beispielsweise von mehr als 40 000 bestätigten Infektionen gab es in der Altersgruppe bis neun Jahre keinen einzigen Todesfall. Tim Niehues, Experte für Kinder-Immunologie und Chefarzt des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin am Helios-Klinikum Krefeld, spricht von einer „optimistisch stimmenden Datenlage“. Für Aufsehen sorgen dennoch Einzelmeldungen, wonach auch Teenager oder sogar Kleinkinder, bei denen Coronaviren nachgewiesen waren, gestorben sind. Niehues mahnt in solchen Fällen allerdings zur Vorsicht: „Nicht jeder, der stirbt und Corona positiv getestet ist, ist auch an der Corona-Infektion gestorben.“ Für den Tod hauptsächlich verantwortlich sein können bekannte oder unerkannte Vorerkrankungen – und nicht die Besiedelung oder Infektion mit Coronaviren.

Infizieren sich die Kinder gar nicht erst oder werden sie durch das Virus nicht so krank? „Man muss wegen der weiten Verbreitung des Virus davon ausgehen, dass sich auch sehr viele Kinder infizieren“, sagt Niehues. Laut der chinesischen Studie, der deutsche Wissenschaftler allerdings mit Skepsis begegnen, lag der Anteil der Infizierten bis 19 Jahre aber bei nur zwei Prozent. In einer anderen Untersuchung heißt es wiederum, das Infektionsrisiko von Kindern und Erwachsenen sei etwa gleich hoch. Schwere Verläufe sind bei Kindern aber selten. Horst von Bernuth, Leiter der Immunologie an der Kinderklinik der Berliner Charité, geht davon aus, dass infizierte Kinder unter drei Jahren beispielsweise eher nicht die gefürchtete Lungenentzündung bekommen, sondern eine ausgeprägte Bronchitis, die weniger gefährlich ist.

Woran liegt es, dass der Krankheitsverlauf bei Kindern harmloser ist? Von Bernuth nennt das „die 100-Millionen-Dollar-Frage“. Gesicherte Erkenntnisse gibt es dazu nicht. Niehues weist darauf hin, dass Kinderlungen seltener und nicht so gravierend vorgeschädigt sind wie bei Erwachsenen – beispielsweise durch Zigarettenkonsum.

Bei der „normalen“ Grippe gelten Kinder als besonders gefährdet. Was ist der Unterschied? „Auch das wissen wir noch nicht“, sagt von Bernuth. Bekannt ist, dass auch die Corona-Epidemien Sars und Mers Anfang der 2000er-Jahre in Asien und im Nahen Osten vergleichsweise harmlos für Kinder waren.

Gibt es zumindest Erklärungsversuche dafür, was die Kinder schützt? Es gibt die These, dass das junge Immunsystem geradezu darauf ausgerichtet ist, ständig mit neuartigen Erregern fertig zu werden: Es ist sozusagen auf deren Abwehr trainiert. Auch mit dem Epstein-Barr-Virus, das das Pfeiffersche Drüsenfiber auslöst, werden Klein- und Schulkinder wesentlich besser fertig als Jugendliche oder Erwachsene, sagt Niehues. Ob dies auch auf Covid-19 übertragen werden kann, sei aber bislang Spekulation.



Könnte es im Fall von Corona ein Vorteil sein, dass das Immunsystem von Kindern nicht voll ausgereift ist? Die wirklich schweren Komplikationen bei Erwachsenen mit Covid-19 sind oft Folge einer Art immunologischer Überreaktion. Es kann ein so genannter Zytokin-Sturm auftreten; das bedeutet, dass die Entzündungsreaktion des Körpers, die eigentlich das Virus unschädlich machen soll, außer Kontrolle gerät und schließlich die eigenen Organe schädigt. Bei Kindern könnte genau diese Komplikation unterbleiben, weil das Immunsystem durch ständiges Training passender reagiert. Systematisch überprüft wurde diese Hypothese bislang allerdings nicht, betont von Bernuth. „Ebenso denkbar wäre doch auch, dass das neue Coronavirus Kinder gar nicht so schwer infizieren kann, Erwachsene dagegen schon – und deswegen auch deren Immunreaktion so stark ist.“

Kleinere Kinder kriegen schnell mal Fieber. Hilft das auch im Kampf des Körpers gegen das Corona-Virus?
© Südwest Presse 03.04.2020 07:45
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