Leitartikel Ellen Hasenkamp zum Einfluss der Experten

Nur Beratung

  • Ellen Hasenkamp Foto: NBR
Er läuft und läuft und läuft. Mehr als zwei Dutzend Folgen umfasst „Das Coronavirus-Update mit Christian Drosten“ inzwischen. Der Berliner Virologe spricht in dem wochentäglichen Podcast über den Stand der Forschung, über Vor- und Nachteile von Schutzmasken, über mögliche Medikamente oder seine persönlichen Eindrücke im Supermarkt. Millionenfach werden die Beiträge abgerufen. Aber nicht nur Drosten, auch der Chef des Robert Koch-Instituts Lothar Wieler beispielsweise oder der Virologe Alexander Kekulé aus Halle gehören in diesen Corona-Wochen inzwischen zu unserem erweiterten Bekanntenkreis. Ihre Stimmen, Gesichter und Persönlichkeiten sind so vertraut wie die von Merkel, Scholz und Co.

Auch die Empfehlungen der Mediziner rangieren längst irgendwo zwischen Kanzleramt und Bundestag – oder gar darüber. In normalen Zeiten ist die Stimme der Wissenschaft eben genau das: eine Stimme unter vielen. Das gilt für Arbeitsmarktforscher ebenso wie für Mobilitätsexperten oder für Bundeswehr-Spezialisten. Jetzt aber, im Angesicht der Herausforderung Sars-CoV-2, hören wir vor allem auf die wenigen, die sich mit Inkubationszeiten und Reproduktionszahlen auskennen. Von ihnen erwarten wir die Antworten im Umgang mit dem vermaledeiten Virus.

Zugleich aber geht die Furcht um vor der Szientokratie, der Diktatur der Wissenschaft. Werden wir jetzt von Virologen regiert? Doch so ist es nicht – und so soll es auch nicht sein. Am vehementesten wird diese Sichtweise übrigens von den (seriösen) Forschern selbst zurückgewiesen: „Die Wissenschaft hat kein demokratisches Mandat“, betont beispielsweise Drosten in seinem Podcast. Und deswegen gilt Zweierlei: Weder können wir von den Virologen und Epidemiologen erwarten, dass sie allein uns den Weg raus aus der Krise weisen, noch können wir darauf verzichten, dass sie ihre Erkenntnisse und auch Forderungen in die Öffentlichkeit tragen.

Das tun allerdings auch all die anderen, die zur Bewältigung von Corona etwas beizutragen haben: Bildungsexperten, Volkswirtschaftler, Soziologen – um nur einige zu nennen. Auch ihre Argumente für die möglichst rasche Wiederöffnung von Schulen oder für die Lockerung von Ausgangsbeschränkungen sind anzuhören.

Entschieden werden muss weiterhin von anderen, von denen nämlich, die wir gewählt haben, und die wir spätestens bei der nächsten Wahl dafür zur Verantwortung ziehen können. Sie müssen gewichten – und stehen dabei in der Pflicht, sich bestmöglich beraten zu lassen. In der Corona-Krise haben sie mit einer besonderen Schwierigkeit zu kämpfen: Was für die Wissenschaft Normalität ist, das allmähliche Vortasten zur Erkenntnis nämlich, begleitet auch von Irrtümern und Korrekturen, ist für die Politik ein Alptraum. Die Fehler-Toleranz tendiert schon in normalen Zeiten gegen Null, jetzt, da es um Leben und Tod von Menschen, aber auch um das wirtschaftliche Wohlergehen eines ganzen Landes geht, gilt das allemal.

leitartikel@swp.de
© Südwest Presse 03.04.2020 07:45
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Frieder Kohler

"das allmähliche Vortasten zur Erkenntnis nämlich, begleitet auch von Irrtümern und Korrekturen, ist für die Politik ein Alptraum. Die Fehler-Toleranz tendiert schon in normalen Zeiten gegen Null, jetzt, da es um Leben und Tod von Menschen, aber auch um das wirtschaftliche Wohlergehen eines ganzen Landes geht, gilt das allemal" - und dann dieser Brief: https://www.youtube.com/watch?v=gSn_YaOYYcY&w=640&h=360

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