Radsport kämpft verzweifelt um sein Prestigerennen

Die großen Sport-Highlights im Sommer sind bereits abgesagt. Die Tour de France soll aber gerettet werden, notfalls mit einem späteren Start im August.
  • Ein Spektakel: Der Brite Geraint Thomas (l.) und der Franzose Julian Alaphilippe duellieren sich bei der Tour de France 2019 am Tourmalet. Ob, wie und – falls ja – wann die Frankreich-Rundfahrt in diesem Jahr stattfindet, ist noch offen. Foto: Yuzuru Sunada
Keine Fußball-EM, kein Olympia und auch kein Wimbledon – der Sport-Sommer 2020 verliert seine Höhepunkte. Angesichts der Coronavirus-Pandemie wäre auch eine Absage der Tour de France nur die logische Folge. Schließlich zählt Frankreich derzeit rund 500 Tote pro Tag im Zuge der Coronavirus-Pandemie. Kaum vorstellbar, dass in weniger als drei Monaten zehn bis zwölf Millionen Menschen aus aller Welt in Frankreich am Straßenrand stehen.

Doch die Verantwortlichen tun sich schwer mit einer Absage, der Veranstalter ASO hat sich für eine Entscheidung den 15. Mai als Deadline gesetzt. „Le Tour“ ist schließlich nicht irgendeine Sportveranstaltung: Das größte Radrennen der Welt gilt in Frankreich als Nationalheiligtum, als riesengroßes Volksfest.

Jedes Jahr im Juli sind etliche Orte ganz in Gelb geschmückt, selbst ein Besuch des französischen Staatschefs gehört zum Pflichtprogramm. Egal ob Nicolas Sarkozy, Francois Hollande oder Emmanuel Macron, der 2019 auf dem Tourmalet zuschaute. Nicht einmal die schlimmen Doping-Jahre in der dunklen Ära Armstrong konnten das Rennen in die Knie zwingen. Eine Veranstaltung „von größter Bedeutung“, wie Sportministerin Roxana Maracineanu betont. Nur während der Weltkriege pausierte das Rennen zwischen 1914 und 1919 sowie zwischen 1939 und 1947.

So ist es nicht verwunderlich, dass bereits diverse Gedankenspiele kursieren – alle mit dem Ziel, die Tour de France 2020 zu retten. Maracineanu brachte eine Austragung ohne Zuschauer ins Gespräch – ähnlich wie im März bei der Rundfahrt Paris-Nizza. Eine Variante, mit der sich auch der Tour-Vierte Emanuel Buchmann anfreunden könnte. „Wir alle sind für die Tour motiviert, egal ob mit oder ohne Zuschauer. So gesehen wäre das eindeutig besser als nichts“, sagte der 27-jährige Ravensburger.

Dies lehnt Tourchef Christian Prudhomme ab. Wahrscheinlicher ist eine Verschiebung. Denn die Austragung der Tour ist für viele Teams von existenzieller Bedeutung. 70 bis 80 Prozent der Sponsoring-Werte werden in den drei Wochen während der Grande Boucle generiert. „Sofern die Tour de France stattfindet, kommen wir mit einem blauen Auge davon. Die Tour ist das wichtigste Event im Jahr, nicht nur für uns, auch für unsere Sponsoren. Wenn das stattfindet, kann man über alles andere großzügig hinwegschauen“, sagte Ralph Denk als Teamchef des deutschen Rennstalls Bora-hansgrohe. So steht der Weltverband UCI bei der Neugestaltung des Kalenders vor einem großen Puzzle.

Erstes Bauteil ist die Tour, dann die anderen großen Rundfahrten und schließlich die Klassiker wie Paris-Roubaix. „Wir haben die Tour, den Giro, die Spanien-Rundfahrt und fünf große Klassiker. Wenn man die irgendwie dieses Jahr unterbringt, ist das Radsport-Jahr noch gerettet“, sagt Denk.

Bis zum 1. Juni stehen die Räder auf jeden Fall still, vermutlich aber länger. Prudhomme möchte, dass die Tour stattfindet, und zwar nicht im Interesse der Rundfahrt. „Im Namen Tour de France ist das wichtigste Wort ,Frankreich‘. Die Gesundheitssituation im Land ist das, was zählt. Findet sie (die Tour) nicht statt, bedeutet es, dass das Land in einer katastrophalen Situation ist“, sagte Prudhomme.

Laut UCI-Vizepräsident Renato Di Rocco kommen drei mögliche Termine für den Neustart der Saison in diesem Jahr in Betracht: Der 1. Juli, der 15. Juli oder der 1. August. Das ließ Di Rocco bereits gegenüber mehreren italienischen Medien durchblicken. Demnach soll den Fahrern dann eine 30-tägige Vorbereitungszeit mit kleineren Rennen eingeräumt werden. Anschließend könnte die Tour beginnen, also womöglich im August. dpa
© Südwest Presse 03.04.2020 07:45
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