Neue Serie

Tote, Trümmer, Neuanfang

Im April 1945 marschieren französische und US-amerikanische Truppen in Württemberg, Baden und Hohenzollern ein. Die Nazi-Herrschaft ist beendet, der Krieg vorbei.
  • Das zerstörte Stuttgart. Am 22. April 1945 war der Krieg in der Landeshauptstadt vorbei. Bei Bombenangriffen waren bis dahin mehr als 4000 Menschen gestorben. Foto: afp
  • April 1945 in Forchtenberg am Kocher: Einwohner des Ortes kommen aus den schützenden Kellern und haben den ersten Kontakt zu den amerikanischen Soldaten. Foto: US-Army/Sammlung Koziol
Militärisch war es nur noch eine Episode, was im April 1945 in Baden, Württemberg und Hohenzollern geschah: Gut einen Monat brauchten die französischen und US-amerikanischen Truppen, um Baden, Württemberg und Hohenzollern zu erobern. Wo völlig sinnlos Gegenwehr geleistet wurde, starben noch weiter Menschen, wurden Brücken gesprengt und Häuser in Brand geschossen. Mutige, die sich an Panzersperren zu schaffen machten oder weiße Fahnen hissten, bevor die letzten fanatischen Hitlerkämpfer abgezogen waren, riskierten ihr Leben.

In mehreren Gemeinden im Südwesten kam es zu Erschießungen und Hinrichtungen von Deserteuren. Die Alliierten rückten im April 1945 von Westen und Norden vor. Ende April waren dann die letzten württembergischen Orte eingenommen, bevor am 8. Mai mit der Kapitulation der Krieg in Europa zu Ende war. Im Sommer wurde die Autobahn Karlsruhe–Stuttgart–Ulm dann zur Grenze zwischen US-amerikanischer und französischer Besatzungszone, Württemberg und Baden waren geteilt.

Nach sechs Jahren Krieg, mit dem Deutschland die halbe Welt überzogen hatte, lagen Heilbronn, Pforzheim, Stuttgart, Ulm oder Mannheim 1945 nach Bombenangriffen in Trümmern. Heftige Kämpfe gab es zuletzt noch beispielsweise um Heilbronn und Crailsheim. Der Süden und Osten des Landes erlitten weniger Zerstörungen als die Mitte und der Westen.

Mehr als 225 000 Wehrmachtssoldaten und fast 40 000 Zivilpersonen aus dem Südwesten starben im Krieg, so die Zahlen der Landeszentrale für politische Bildung. Mehr als 10 000 Juden aus Baden, Württemberg und Hohenzollern wurden Opfer des Rassenwahns, auch 10 000 Kranke und Behinderte, die in Grafeneck getötet wurden.

In unserer neuen Serie geht es in den kommenden Wochen um das, was die Menschen damals bewegte, als Franzosen und Amerikaner in den Südwesten kamen. Als der Krieg noch tobte und auch danach, als es um die Entnazifizierung ging, um das Aufarbeiten oder auch um eine neue Heimat für die vielen Flüchtlinge.

Zum Auftakt heute: Schlaglichter aus den letzten Kriegstagen. Auszugsweise wiedergegeben, entnommen aus mehr als 5000 Schreibmaschinenseiten. Jeder kann diese Dokumente einsehen: Das Landesarchiv Baden-Württemberg hat sie schon vor fünf Jahren digitalisiert und für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht im Internet: www.landesarchiv-bw.de.

Das Material wurde in drei Fragebogenaktionen 1948, 1955 und 1960 gesammelt. Damals wurden Städte und Gemeinden angeschrieben, sie sollten Auskunft geben über das Kriegsende 1945 und die Kriegszerstörungen vor Ort. Viele kleine Orte erstatteten „Fehlanzeigen“, weil es bei ihnen nicht zu Kriegsschäden gekommen war. Einige Bürgermeisterämter lieferten genaue Listen ab. So zählte Stuttgart alle 53 Bombenangriffe von August 1940 bis April 1945 auf, mehr als 4000 Getötete und 39 000 beschädigte und zerstörte Gebäude.

Manche der Berichte sind umfangreich, beschreiben Bombenschäden und Kampfhandlungen. Manche bürokratisch und kurz, andere sehr persönlich und ausführlich. Gräueltaten werden beschrieben, aber auch das Aufatmen der Einwohner über das Ende des Krieges.
© Südwest Presse 03.04.2020 07:45
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