Kein Netflix im Homeoffice

Die IT-Verwaltung sperrt Videostreaming und andere Internetseiten für Landesbedienstete, die von zuhause aus arbeiten. Der Behördenchef spricht von Vorsorge, Hinweise auf Fehlverhalten gebe es nicht.
  • Netflix-Serien während der Arbeitszeit anschauen? Das will das Land verhindern. Foto: Alexander Heinl/dpa
Wegen der Coronavirus-Pandemie befinden sich Teile der Landesverwaltung im Homeoffice. Dort können Sie über einen VPN-Tunnel geschützt arbeiten. Dadurch fällt seitdem erheblich mehr Datenverkehr an. Die mit der IT-Verwaltung betraute Behörde BITBW (IT Baden-Württemberg) hat nun einige „bandbreitenintensive Dienste des Internets“ blockiert, wie es in einer internen Mail heißt, die dieser Zeitung vorliegt.

Ein BITBW-Mitarbeiter gibt in dem Schreiben bekannt, die Seiten von Addradio, Amazon, Amazon Prime, Dropbox, Ebay und Netflix würden gesperrt, „um die Arbeitsfähigkeit der VPN-Gateways zu gewährleisten“. Auch der SWR stand zunächst auf der Liste, davon nahm man aber nach Beschwerden aus der Beamtenschaft wieder Abstand.

Auch Amazon und Ebay blockiert

BITBW-Präsident Christian Leinert bestätigte die Sperrungen auf Anfrage, sprach aber von einem Missverständnis. Die Zahl der Homeoffice-Nutzer sei schnell erheblich angestiegen. Zuletzt hätten rund 11 000 Anwender gleichzeitig den VPN-Zugang genutzt. Vor zwei Wochen seien es noch rund 3000 gewesen. Die Nutzung der Videokonferenzräume habe sich in dem Zeitraum verdoppelt. Die Zahl der durchgeführten Skype-Videokonferenzen sei von knapp 200 pro Tag auf mehr als 1500 gestiegen. „Das ist eine riesige Datenlast“, sagte Leinert.

BITBW habe daher kürzlich bereits den Zugang zu Google-Video gesperrt, wozu unter anderem Youtube gehört, sowie zu Akamei, einem Dienstleister, der unter anderem hinter Mediatheken von Fernsehsendern steht. „Außerdem haben wir die Bildqualität für unsere eigenen Videokonferenzen abgesenkt.“

Ob tatsächlich Beamte während der Arbeitszeit Netflix-Filme gestreamt oder bei Ebay eingekauft haben, sei ihm vor der Sperrung nicht bekannt gewesen, sagte Leinert. „Wir hatten nicht geprüft, ob Netflix überhaupt genutzt wird“, sagte er. Man habe lediglich festgestellt, dass die Netzlast stärker steige als erwartet und habe deshalb kurzerhand jene Video-Dienste gesperrt, „die uns spontan eingefallen sind“. Erst durch die Anfrage dieser Zeitung sei ihm „deutlich geworden, wie missverständlich unsere Information über das Streaming war“. Eine erste Analyse habe keine Hinweise darauf ergeben, dass etwa Netflix genutzt wurde.

Seine Behörde arbeite ständig an Ausbau und Leistung der Heimarbeitsplätze. Die durch das Coronavirus ausgelöste Lage fordere auch die Landes-IT sehr. Daher appelliere er an alle Heimarbeiter, „breitbandlastige Anwendungen nur mit Bedacht einzusetzen“. Beim Videostreamen im Netz fielen nun einmal erhebliche Datenmengen an. Bis Ostern plane die BITBW einen technischen Ausbau, sodass bis zu 15 000 gleichzeitige Verbindungen möglich würden.

Stefan Krebs, der Beauftragte der Landesregierung für Informationstechnologie und „Chief Information Officer“ des Landes, erklärte auf Anfrage, er habe persönlich die Anweisung erteilt: „Videostreaming wird abgeschaltet.“ Die Stabilität und Sicherheit der IT-Infrastruktur sei von höchster Bedeutung. „Die BITBW macht da einen hervorragenden Job“, betonte er.

Krebs wies zugleich darauf hin, dass im Netz angeschaute Videos nicht unbedingt privater Zerstreuung dienen müsse. Mitarbeiter in Pressestellen etwa müssten dienstlich die Livestreams von Pressekonferenzen der Landesregierung verfolgen, die auch auf Youtube laufen.
© Südwest Presse 03.04.2020 07:45
348 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.

Anmeldung zum E-Mail-Newsletter aus der Redaktion

Die wichtigsten und interessantesten Meldungen des aktuellen Tages aus der Redaktion direkt in Ihr E-Mail-Postfach – täglich und kostenlos jeden Abend.

Jetzt kostenlos anmelden

Aktuelle Meldungen direkt auf Ihr Handy