Datenschutz

Das Facebook der Krise

Der Videodienst „Zoom“ boomt. Doch das Unternehmen geht arg sorglos mit den Daten seiner Kunden um – was manchem bekannt vorkommt.
  • Das Logo des Videokonferenz-Dienstes Zoom ist auf einem Smartphone-Bildschirm. Foto: Andre M. Chang/dpa
Wenn es in Zeiten der Kontaktsperre einen Krisengewinner gibt, dann sind es die Anbieter von Videokonferenz-Software. Seit Beginn der Coronakrise hat sich der Datenverkehr von Telekonferenzen verdoppelt. Vor allem ein US-Dienstleister sticht dabei unter der Masse an Angeboten heraus: Zoom. Nicht nur Unternehmen nutzen den Dienst aus dem kalifornischen San José inzwischen für ihre Meetings. Auch Universitäten, Musikschüler und Fitnesskurse „zoomen“, Freunde treffen sich virtuell zum Plausch, und sogar Gottesdienste und Hochzeiten wurden damit abgehalten.

Der große Vorteil von Zoom ist seine einfache Handhabung. Nach dem Download benötigt man nur noch die Konferenz-ID, um den Videochat zu starten. Attraktiv ist der Dienst auch, weil mehrere Nutzer gleichzeitig damit chatten können, ohne dass die Qualität der Videoübertragung darunter zu sehr leidet. Bis zu 1000 Teilnehmer sind möglich. Doch wie immer, wenn ein Angebot einfach zu unwiderstehlich klingt, lauert irgendwo ein Haken.

Bei Zoom ist es – Überraschung – der Datenschutz. Die Software gilt als regelrechte Datenschleuder. So fiel vergangene Woche auf, dass die iOS-App des Dienstes Informationen über das benutzte Gerät wie Modell, freien Speicherplatz und Display-Größe an Facebook übermittelte. Auch wenn der Dienst über die Webseite genutzt wird, fließen Daten an etliche Tracking-Dienste, hat der Sicherheitsexperte Mike Kuketz, der auch für den baden-württembergischen Datenschutzbeauftragten Stefan Brink arbeitet, herausgefunden.

Was zunächst nach harmlosen Informationen klingt, ist jedoch durchaus heikel. Denn fließen Daten aus mehreren Apps unter einer Werbe-ID zusammen, lassen sich Informationen über das Konsum- und Reiseverhalten, Dating und vieles mehr einer Person zuordnen. Der ein oder andere fühlt sich bereits an ein anderes Unternehmen aus dem Silicon Valley erinnert, dass eher sorglos mit dem Datenschutz umgeht.

„Zoom ist das Facebook der Videokonferenz-Systeme“, sagt Kuketz auf Twitter. Möglichst viele personenbezogene Daten würden gesammelt, die dann gewinnbringend „ausgeschlachtet“ werden. „Es wird alles gesammelt, was bei drei nicht auf den Bäumen ist.“

Zoom hat die Datenweitergabe an Facebook inzwischen zwar aus dem Softwarecode entfernt. Damit ist das PR-Desaster, das die Firma momentan erlebt, allerdings noch lange nicht beendet.

Arbeitnehmer etwa dürften bei einer Funktion von Zoom besonders aufhorchen. So können die Organisatoren der Konferenzen, was meist die Vorgesetzten sind, die Aufmerksamkeit ihrer Angestellten bei den Meetings überwachen. Zoom verpetzt die Teilnehmer an den Chef, wenn diese länger als 30 Sekunden lang ein anderes Fenster als das der Videokonferenz geöffnet haben. Aber auch damit ist das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht.

So beklagten sich in den USA Schulen darüber, dass Unbekannte in den Online-Unterricht hereinplatzten und Schimpfwörter riefen oder Nazi-Symbole zeigten. Möglich machte das eine Sicherheitslücke des Systems: Wenn Telekonferenzen nicht auf privat geschaltet werden, können sich Fremde in sie einwählen, sofern sie den entsprechenden Link in die Hände kriegen. Bei einer öffentlichen Zoom-Konferenz zweier prominenter US-Journalistinnen etwa gelang es Saboteuren, pornografische Inhalte auf die Bildschirme der Teilnehmer zu bringen. Die Praxis ist anscheinend derart verbreitet, dass sie einen eigenen Namen hat: „Zoombombing“.

Zugriff auf Webcams

Im vergangenen Jahr hatte das Unternehmen noch mit einer anderen Sicherheitslücke auf sich aufmerksam gemacht. Angreifer konnten auf Millionen Webcams von Mac-Computern zugreifen und die ahnungslosen Nutzer so ausspionieren – und zwar selbst, wenn sie Zoom bereits deinstalliert hatten. Für Kopfschütteln sorgt auch, dass Zoom damit warb, seine Videochats seien verschlüsselt, einen solchen Schutz aber gar nicht anbietet.

In den USA haben sich inzwischen die Behörden eingeschaltet. Die Bundespolizei FBI mahnte Zoom-Nutzer, den Zugang zu Telekonferenzen einzuschränken. Die New Yorker Generalstaatsanwältin will die Sicherheitspraktiken von Zoom untersuchen und forderte entsprechende Unterlagen ein. Darüber hinaus läuft in Kalifornien bereits eine Verbraucherklage gegen das Unternehmen. Der Chef von Zoom entschuldigte sich bereits öffentlich und gelobte Besserung. Auch das hat man alles so oder so ähnlich bereits von Facebook gehört.
© Südwest Presse 04.04.2020 07:45
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